KOMPLEXITÄT WAGEN! — EINE EINFÜHRUNG IN DAS KINO VON RAOUL PECK
Vortrag von Fabian Tietke, 45'
Anschl. Premiere von Orwell: 2+2=5
Schon in seinen ersten Filmen an der Westberliner
Filmakademie hat sich Raoul Peck als politischer
Filmemacher mit grossem Sinn für filmische Formen erwiesen. In seinen Werken findet er präzise Bilder für Machtverhältnisse. Er blickt auf Geschichte und Gegenwart kolonialer und rassistischer Strukturen, die er mit grosser Selbstverständlichkeit aus der Perspektive eines Schwarzen Filmemachers aus Haiti aufgreift. Anhand von Filmbeispielen arbeitet der Filmkritiker und Filmhistoriker Fabian Tietke thematische Linien und formale Entwicklungen im Werk eines der wichtigsten politischen Filmemacher des Gegenwartskinos heraus.
Zum Film: «Der britische Schriftsteller George Orwell erkannte früh, dass systematisches Lügen das zentrale Mittel autoritärer Systeme ist – jener Art von Systemen, die darauf bestehen, dass zwei plus zwei fünf ergibt, und diese ‹Wahrheit› wenn nötig mit Gewalt durchsetzen. Orwells dystopische Romane ‹Animal Farm› und ‹1984› aus den 1940er-Jahren, die auch aus seiner Scham darüber entstanden, selbst an der imperialen Polizeimaschinerie Indiens in Burma mitgewirkt zu haben, hatten eine solche Wirkmacht, dass ‹orwellsch› heute noch ein Synonym für repressive staatliche Kontrolle ist. Der haitianische Filmemacher Raoul Peck spürt Orwells Leben und Werk in einer kühnen Collage aus Filmausschnitten und Nachrichtenmaterial nach, die als eindringliche Warnung dient. Szenen aus verschiedenen Verfilmungen von ‹1984› und die Slogans des ‹Ministeriums für Wahrheit› werden mit der Ideologie und den Lügen von Trump und Co. versatzstückt und klug in den grösseren Kontext mörderischer Regimes im Laufe der Geschichte und von deren ähnlicher Verzerrung der Wahrnehmung durch Sprache gestellt. Mit dem Aufstieg der sozialen Medien und ihrer Tech-Oligarchie, die wenig Wert auf Faktenprüfung oder KI-Regulierung legt – das zeigt Peck eindrücklich auf –, ist Wahrheit zerbrechlicher denn je.» (Carmen Gray, New Zealand International Film Festival)
Drehbuch: Raoul Peck
Kamera: Benjamin Bloodwell, Stuart Luck, Julian Schwanitz
Musik: Alexei Aigui
Schnitt: Alexandra Strauss
Mit: Damian Lewis (George Orwell (Voice-over))
119 Min., Farbe, DCP, OV/e