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The Deer
(Gavaznha)
Masoud Kimiai (Iran 1974)

English review

«Zwei Jahrzehnte in Folge hat The Deer in verschiedenen iranischen Kritikerumfragen den Spitzenplatz als ‹bester iranischer Film aller Zeiten› belegt. Regisseur Masoud Kimiai (ehemaliger Assistent von Jean Negulesco und Samuel Khachikian), bekannt für sein Vergewaltigungs- und Rachedrama Gheysar (1969), das die Ausrichtung des iranischen Kinos veränderte, fügt der Geschichte seiner typisch trotzigen Figuren eine explizit politische Dimension hinzu. In Anlehnung an Hollywoods ‹buddy movies› wird hier der vertraute Held des iranischen Populärkinos zu sozialem Handeln veranlasst, weit über die üblichen romantischen Eroberungen hinaus. Das Gefühl einer bevorstehenden Revolte durchdringt diese Geschichte eines ehemaligen Champions, der zum Junkie wird, einen linken Klassenkameraden wiedersieht und durch revolutionäre Wut erlöst wird. Der Protagonist Seyyed, gespielt vom vielseitigen ‹method›-Schauspieler Behrouz Vossoughi, macht dort weiter, wo der Anti-Held von Gheysar aufgehört hat, nimmt das Gesetz wieder selbst in die Hand und fordert die etablierte Ordnung heraus.
Der Film wurde im November 1974 am Internationalen Filmfestival Teheran uraufgeführt, kam aber erst im Januar 1976 in die Teheraner Kinos, arg gebeutelt von der Zensur. Vossoughi, dessen Darbietung im Film ihm gerade auf dem Festival einen Preis als bester Schauspieler eingebracht hatte – ein Preis, den ihm ironischerweise die Kaiserin Farah verlieh –, wurde ins Hauptquartier der Geheimpolizei vorgeladen, wo er versichern musste, dass The Deer kein Guerilla-Film sei und sein Freund in der Geschichte nichts anderes als ein gewöhnlicher Bankräuber. Schliesslich zwang der Geheimdienst den Regisseur Kimiai, einen alternativen Schluss zu drehen (bei dem sich die Protagonisten der Polizei ergeben), das einzige Ende, das die Öffentlichkeit zu sehen bekam, bis zur Revolution 1979, als das ursprüngliche Finale wiederhergestellt wurde.
Trotz der Zensur fand jede Sequenz dieses bewegenden politischen Manifests bei Millionen von Iranern Anklang, und der Film blieb lange Zeit im Umlauf, wobei einige der Vorführungen dem Film noch tragischere Untertöne verliehen. Auf dem Höhepunkt der Revolution eröffnete die Armee des Schahs das Feuer auf Demonstranten vor einem Kino Nahid, in dem der Film gezeigt wurde (heute im Kalender als ‹Schwarzer Freitag› markiert). Ungefähr zur gleichen Zeit brannten Islamisten das Kino Rex im Südwesten des Irans nieder, während die Leute drinnen The Deer sahen, was zum tragischen Tod von mehr als 300 Menschen führte.» (Ehsan Khoshbakht, cinema.ucla.edu, Dezember 2020)
Das Filmpodium zeigt The Deer in Zusammenarbeit mit dem Iranian Film Festival Zurich.

Drehbuch: Masoud Kimiai
Kamera: Nemat Haghighi
Musik: Esfandiar Monfaredzadeh
Schnitt: Abbas Ganjavi

Mit: Behrouz Vossoughi (Seyyed Rasool), Faramarz Gharibian (Ghodrat), Nosrat Partovi (Fati), Parviz Fanizadeh (Mohammad), Garshasb Raoufi (Drogenhändler), Enayat Bakhshi (Vermieter)

120 Min., sw, DCP, Farsi/e

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