Schonungslos porträtiert Von wegen «Schicksal» eine Berliner Arbeiterfamilie im Märkischen Viertel: Irene Rakowitz lässt sich nach 20 Ehejahren scheiden und lebt mit zwei ihrer vier Kinder zusammen, ihr Ex-Mann wohnt nur ein paar Stockwerke tiefer. Statt distanzierter Beobachtung wählt Reidemeister eine Methode enthüllender Intervention: Sie fragt, provoziert, mischt sich aus dem Off in das konflikthafte Geschehen ein und lässt die Familie aussprechen, was sonst beschwiegen bleibt. Familie erscheint hier kaum als privater Rückzugsort – vielmehr werden in familiären Kontroversen gesellschaftliche Widersprüche freigelegt: unbezahlte Reproduktionsarbeit, uneinlösbare Familienideologie und Rollenzwänge zwischen Mutter-, Ehefrau- und Hausfrausein. 1979 löste der Film in Duisburg das bis heute längste Publikumsgespräch der Festivalgeschichte aus – eine hitzige Debatte um dokumentarische Arbeitsweisen und den Vorwurf fehlender objektivierender Distanz. (df)
Drehbuch: Helga Reidemeister, Irene Rakowitz
Kamera: Axel Brandt, Susanne Beyerle, Thomas Tanner
Musik: Neil Diamond, Mikis Theodorakis, Bedřich Smetana («Die Moldau»)
Schnitt: Elisabeth Förster
122 Min., sw, DCP, D