Mit grossem Bedauern haben wir am 6. Januar vom Tod Béla Tarrs erfahren. Unsere aktuelle Retrospektive seines Werks versteht sich in diesem Sinne auch als dankbare Würdigung eines der bedeutendsten Meister des europäischen Kinos.
Foto: © European Film Academy
Fred Kelemen, Wegbegleiter von Béla Tarr, und Kameramann von The Man from London, The Turin Horse und Missing People hat uns diesen Text als Erinnerung an Tarr gesandt:
Lob des Dunkels
von Fred Kelemen
Die Romane und Erzählungen von László Krasznahorkai und die Filme von Béla Tarr und mir wurden als «dunkel», gar «düster» bezeichnet. Sie sind nicht düster, sie leuchten, und ihr Dunkel lässt sehen. Sie führen in eine Tiefe hinter oder unter oder über oder in der Oberfläche, die mit ihren grell reflektierenden Lichtreflexen und Spiegelungen überstrahlt, was verborgen liegt und verschwiegen wird vor allem von jenen, die uns glauben lassen wollen, dass alles in Ordnung sei, das heisst zu «unserem Besten», was von der Entdeckung ihrer wahren Absichten ablenken soll. In dieser Zeit scheinheiliger Moralisten, betrügerischer Propheten, ausbeuterischer Retter und tödlicher Ideologien tut Not, sich jenseits der blendenden Lichter zu wagen, jenseits des schwindelerregenden Spektakels mit seinen betäubenden Trommelwirbeln, hinein in das sich uns öffnende klare, stille Dunkel, in dem der Lohn des Ausharrens das langsam dem Auge erscheinende Bild und der dem Ohr erklingende Herzschlag des Menschen sind - in seiner Verletztheit, Furcht, Verzweiflung, Zerbrechlichkeit, Sehnsüchtigkeit, Schönheit, Kühnheit und Kreativität. Lob dem wohltuenden Dunkel, das den entzündeten Blick heilt und und sehen lässt.
Fred Kelemen, 22. Oktober 2025