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Spike Lee's Joints

Wake up! Spike Lee, der bedeutendste Regisseur des New Black Cinema ist 65 geworden! Selbstbewusst, erfrischend und laut hat er in den 80er-Jahren mit Filmen wie Do the Right Thing die Leinwand erobert und erst unlängst bewies er mit dem Grosserfolg BlacKkKlansman wieder, dass sein kämpferischer Gestus sich bestens mit Humor und Mainstream versteht. Unsere von Elisabeth Bronfen und Greg de Cuir Jr. kuratierte Retrospektive lässt sein vielfältiges Werk Revue passieren und sucht nach seinen Paten und Vorbildern von Harry Belafonte über die Nouvelle Vague à la Melvin Van Peebles bis zur Blaxploitation. In Spike Lees Heist-Thriller Inside Man (2006) dreht sich alles um ein geheimnisvolles Schliessfach an der Wallstreet. Es trägt die Nummer 392, doch in den Unterlagen der Manhattan Bank ist es nie registriert worden. Tatsächlich ähnelt es einer Krypta, denn hier werden Relikte verwahrt, die nicht ans Tageslicht gelangen sollen: Juwelen, die wohlhabenden Juden geraubt wurden, bevor man sie den Nazi-Schergen in Frankreich auslieferte. Der NYPD-Detective, der diese historische Schuld an die Öffentlichkeit bringt, wird von Denzel Washington gespielt. Das ist nur konsequent. Der Holocaust ist zwar nicht seine Geschichte der Ausbeutung, aber Gerechtigkeit für jene zu fordern, die aufgrund von Rassismus enteignet wurden, ist auch für diesen schwarzen Polizisten ein Anliegen. Doch noch aus einem weiteren Grund ist der Einsatz eines geheimen Schliessfaches für die Gedankenwelt Spike Lees charakteristisch. Wiederholt zeigt er in seinen Filmen auf, wie eine Handlung aus der Vergangenheit nachträglich unerwartete Folgen haben wird. Es gibt dafür im Amerikanischen eine griffige Redewendung: «Chickens coming home to roost». Untaten unterschiedlichster Prägung rächen sich an den Verantwortlichen mit einer eigenen Intensität.

Vergangenheit als Trauma und als Inspiration
Ein Interesse für die gewaltsamen Folgen historisch-traumatischer Ereignisse prägt das gesamte Œuvre von Spike Lee, der an der New York University seinen M.A. erhielt und dort seit 2002 als Künstlerischer Leiter eingestellt ist. Als einer der prominentesten Vertreter des New Black Cinema nutzt er seine Filme, für die er oft auch das Drehbuch verfasst, um unsere Aufmerksamkeit auf systemischen Rassismus zu lenken. In Malcolm X (1992) beispielsweise setzt er eine Mischung aus Found Footage und fiktionalem Reenactment ein, um in Erinnerung zu rufen, wie sehr die Konflikte der Bürgerrechtsbewegung die US-amerikanische Gesellschaft weiterhin heimsuchen. In diesem Sinn verstehen sich auch seine engagierten Dokumentarfilme als kritische Geschichtslektionen. Dabei tritt Spike Lee mit seinem unerbittlichen Blick auf die Unterdrückung und Ausbeutung der Black Community bewusst das Erbe der L.A. Rebels an. Seinen Signature Shot aber – Figuren, die im Raum schweben, von ihrem Hintergrund losgelöst – hat er von Regisseur Melvin Van Peebles übernommen. Geprägt von so unterschiedlichen Vorbildern ist es Spike Lee schon früh in seiner Karriere gelungen, sich erfolgreich im Hollywood-Mainstream zu behaupten.
Schon Lees erste Filme aus den Jahren 1986–1995 sind vorwiegend von seinem Blick auf das vielfältige Leben der Black Community in Brooklyn geprägt, und auch in seinen späteren Filmen kehrt der Regisseur immer wieder in diesen Stadtteil zurück. Gerne eröffnet er seine Filme mit einem Schwenk, der über die Häuserblöcke gleitet, um das Spezifische dieses Ortes hervorzuheben. Sein erster Spielfilm, She’s Gotta Have It (1986), handelt von der jungen Grafikerin Nola Darling, die darauf besteht, ihren Traum von sexueller Unabhängigkeit zu leben, und sich deshalb zwischen drei Liebhabern nicht entscheiden will. Frauen nehmen in Lees Geschichten künftig aber eher den Part der Helferin oder der Kontrahentin ein. Die ehrgeizige Mutter, die sorglose Verführerin oder die kritische Gefährtin.
Dafür treten die gebildeten, kreativen, urbanen Männer in den Vordergrund. Allen voran der Jazzmusiker in Mo’ Better Blues (1990), von seinem Erfolg so geblendet, dass er sein Glück verspielt. Bill Lee hat für diesen Film – wie für viele Frühwerke seines Sohnes – die Musik geschrieben. Die Wichtigkeit, die Musik für Spike Lee einnimmt, zeigt sich jedoch nicht nur in seinen Soundtracks. Er hat auch zahlreiche Musikvideos gedreht: für Miles Davis, Public Enemy, Michael Jackson und Eminem.
Dann gibt es aber auch die Männer aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen, die in seinem Ensemble-Stück Get on the Bus (1996) gemeinsam nach Washington, D.C. fahren, um am Million Man March teilzunehmen. Der kontroverse religiöse Anführer Louis Farrakhan, dessen Antisemitismus der Film thematisiert, hatte zu diesem Treffen männlicher Solidarität aufgerufen. Die Reise konfrontiert die Männer mit ihren eigenen internen Widersprüchen: Colorism, Homophobie, politische Intoleranz.


Brennpunkt Brooklyn
Spike Lees Brooklyn entpuppt sich allerdings auch als Ort, wo sich ethnisch bedingte Spannungen aufbauen. In Do the Right Thing (1988) entlädt sich an einem heissen Sommertag eine Wut, die sich unterschwellig in dieser Nachbarschaft über längere Zeit angestaut hatte. Der Streit darüber, ob in einer Pizzeria neben den Fotografien italoamerikanischer Celebrities auch die von afroamerikanischen Ikonen hängen sollen, mündet in einem tödlichen Zusammenstoss mit der Polizei. Auch wenn am nächsten Morgen alle Spuren des nächtlichen Ausbruchs weggeräumt werden, bleibt die Gewalt dicht unter der Oberfläche spürbar. Die auf Vorurteilen beruhende Feindschaft soll – so die moralische Botschaft Spike Lees – nicht aufgelöst werden, weil diese fiktionalen Geschichten auf den sozialen Antagonismus jenseits der Leinwand verweisen. Spike Lee selbst ist übrigens hier, wie in vielen seiner Filme, auch Darsteller: Er verkörpert mal zögerliche Rechtschaffene, mal glücklose Kleinganoven, mal ironisch distanzierte Kommentatoren.
Auch in Summer of Sam (1999) erfährt das von gegenseitigem Hass geprägte Verhältnis zwischen verschiedenen ethnischen Communities eine entlarvende Wende – und das ist kennzeichnend für Spike Lees Blick auf systemischen Rassismus: Im August1977 wurde der Serienmörder David Richard Berkowitz alias «Son of Sam» festgenommen. Im Zentrum des Films steht nicht der Täter, sondern die Frage, wie jene italoamerikanische Gemeinde in der Bronx, in deren Mitte er seine Morde verübt, auf die Gefahr reagiert. Während die Polizei die örtliche Mafia um Hilfe bittet, bildet sich eine Bande junger Männer, die Selbstjustiz üben wollen. Diffuse interne Differenzen haben nun einen klaren Feind bekommen. Auf den Punkrockmusiker passt die Zuschreibung, weil er die Vorstellung von Männlichkeit seiner ehemaligen Schulkameraden stört. Bezeichnend dabei: Der Freak ist an die Stelle getreten, an der wir einen Schwarzen als Sündenbock erwartet hätten.
Doch wenn Spike Lee in seinen Geschichten beharrlich darauf hinweist, dass ungelöste gesellschaftliche Konflikte sich irgendwann rächen, so zeichnet sich in seinen Filmen auch ein Ausweg aus dieser Logik ab: nicht im Ausblenden von Schuld – sei es ein kollektives Verbrechen oder ein persönliches Vergehen –, sondern in der Suche nach Sühne. Als 25th Hour (2002) bereits in Planung war, fanden die Anschläge auf das World Trade Center statt. Spike Lee entschloss sich kurzerhand, das tragische Ereignis in die Geschichte des Drogenhändlers Monty Brogan zu integrieren. Mit Details wird an 9/11 erinnert: In der Bar des Vaters hängen Fotografien verstorbener Feuerwehrmänner. Einer von Montys besten Freunden wohnt in einer Luxuswohnung am Ground Zero und kann von seinem Fenster auf die Aufräumarbeiten herabsehen. Zugleich kommt auch hier ein Hinweis jenseits der Leinwand zum Tragen. Montys Einsicht, er hätte das Elend, mit dem er sich bereichert hat, geflissentlich übersehen, trifft grundsätzlich auf die späten 1990er-Jahre zu. Man hätte sehen können – wollte aber nicht sehen –, dass sich die von der Globalisierung geförderten Untaten rächen würden. In der Verquickung von fiktionaler und realer politischer Verantwortung sind Spike Lees Filme ein Mahnruf geblieben. Ein Appell an uns, aus der Vergangenheit für die Gegenwart Konsequenzen zu ziehen.
Elisabeth Bronfen

Elisabeth Bronfen ist Kulturwissenschaftlerin an der UZH und Autorin.