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Jia Zhang-ke: Trügerische Verheissungen

Wie kaum ein anderer Filmemacher hat Jia Zhang-ke die Geschichte Chinas in den vergangenen 30 Jahren begleitet. Der Siegeszug des Kapitalismus und der damit einhergehende rasante gesellschaftliche Wandel stellen den erzählerischen Kern dar, dem alle seine Filme entspringen. Die filmischen Formen, die Jia verwendet, sind vielfältig: Gangsterepos, Melodram, neorealistisches Strassenkino oder Dokumentarfilm finden in seinem Schaffen mühelos zueinander und erzeugen eine betörende Bildsprache mit ungemeiner Sogkraft. Anlässlich der Premiere seines neusten Films, Caught by the Tides (2024), einer fragilen Liebesgeschichte, die aus Bildern besteht, die Jia während 23 Jahren gedreht hat, blicken wir zurück auf dieses einzigartige Werk. Am 23. und am 24. April dürfen wir zudem Tony Rayns begrüssen, einen der wichtigsten Experten für das chinesische Kino und langjährigen Begleiter von Jia Zhang-kes Schaffen. Die Filmkultur hat die Angewohnheit, insbesondere Regisseure aus nicht westlichen Ländern zu Botschaftern ihrer Herkunftskulturen zu erklären. Auch dem chinesischen Regisseur Jia Zhang-ke ist es bisweilen so ergangen – allzu schnell ist die Filmkritik bereit, seine Filme schlicht als Abbild des gegenwärtigen Chinas zu beschreiben. Man mutet ihnen damit gewissermassen gleichzeitig zu viel und zu wenig zu. Zu viel, weil selbstverständlich kein einzelnes filmisches Werk für sich in Anspruch nehmen kann, alle Facetten eines so vielfältigen Landes, wie China es ist, abzubilden. Und zu wenig, weil es in Jias Filmen – auch in seinen Dokumentarfilmen – so etwas wie einen objektiven Blick nicht gibt. Die Welt, wie sie in seinen Filmen erscheint, ist immer mehr als ihr Abbild, sie ist immer schon infiziert von unseren Wünschen, Träumen, Ängsten und Sehnsüchten. Genau in diesem Sinne ist Jia neben dem Dokumentaristen Wang Bing der zentrale Chronist der chinesischen Gegenwart. Was seine Filme wieder und wieder im Bild festhalten, ist, historisch betrachtet, der Siegeszug des Kapitalismus, der China seit den 1980er-Jahren erfasst hat und den auch die Multikrisen der jüngeren Zeit zumindest mittelfristig kaum ernsthaft gefährden dürften. Sinnbild der Umwälzungen, die dieser Prozess mit sich bringt, ist in gleich mehreren Filmen Jias – so auch im neusten Werk Caught by the Tides (2024) – der Drei-Schluchten-Staudamm in der Hubei-Provinz, ein gigantomanisches, bis heute umstrittenes Bauprojekt, das weite Teile Chinas mit Strom versorgt, aber gleichzeitig immense Umweltschäden verursacht und mehr als eine Million Menschen zur Umsiedlung gezwungen hat. Land, Wasser, Biografien – alles ist im neuen China in Bewegung versetzt worden. «All that is solid, melts into air», heisst es bei Karl Marx. Mit einem Jia-Filmtitel kann man ergänzen: Mountains May Depart. Dass solche Sätze nicht nur für die historisch-materialistische Makroebene gelten, sondern auch für «weiche», kulturelle Faktoren – Popmusik insbesondere ist allgegenwärtig bei Jia – und, ganz besonders, für das subjektive Erleben: Das zeigt im Kino der letzten Jahrzehnte kaum jemand eindrücklicher als Jia Zhang-ke. Film für Film entfaltet sich sein Werk als eine im besten Sinne volkstümliche Geschichtsschreibung der Gegenwart, sinnlich, neugierig – und im vorurteilsfreien Blick auf Menschen aller Gesellschaftsschichten implizit demokratisch. Kein Wunder, dass Jias Filme, obschon nie explizit politisch, regelmässig mit der chinesischen Zensur in Konflikt geraten.

Kakofonie der Moderne

Grob kann man Jias Karriere in drei Phasen unterteilen: zunächst, im Anschluss an seinen Abschluss an der Filmakademie in Peking (als Teil der sogenannten Sechsten Generation chinesischer Filmregisseure) und beginnend mit dem Debüt Pickpocket (1997), das raue Frühwerk. Strassenkino mit kleinen Budgets, Filme über Künstler (Platform, 2000) und Kleinkriminelle (Unknown Pleasures, 2002), die das Chaos des sich mit rapider Geschwindigkeit modernisierenden Chinas ungefiltert auf die Leinwand zu bannen scheinen. Dann eine Phase der Konsolidierung, in der die ersten grossen internationalen Arthouse-Erfolge The World (2004) und Still Life (2006) entstehen und in der Jias Kino sich andere, elegische bis melancholische Stimmungslagen sowie einen freieren Umgang mit Fiktion erarbeitet. Schliesslich, seit A Touch of Sin (2013), ein dritter Werkabschnitt, in dem sich der Regisseur stärker dem populären Genrekino zuwendet, Melodramen (Mountains May Depart, 2015) und Gangsterfilme (Ash Is Purest White, 2019). Beim genaueren Hinsehen ist freilich alles komplizierter. Schon die frühen Filme sind, ihrer schroffen, fast punkigen Oberfläche zum Trotz, ausgesprochen kunstfertig gearbeitet – man denke nur daran, wie der in den 1980er-Jahren spielende Platform mit winzigem Budget und einfachsten Mitteln zu einem vielschichtigen Generationenporträt wird. Diese Kunstfertigkeit gilt für die von Jias vermutlich wichtigstem Kollaborateur, dem Kameramann Yu Lik-wai, eingefangenen, elegant zwischen städtischem Trubel und Impressionen existenzieller Einsamkeit vermittelnden Bilder ebenso wie für Jias lakonische Erzählhaltung: Fast in Hitchcock-Manier misst etwa Pickpocket «sprechenden» Objekten wie Feuerzeugen mehr Bedeutung bei als der Figurenpsychologie; und es gilt ausserdem, vielleicht zuallererst, für die Arbeit mit Ton – Popmusik, stilisierte Alltagsgeräusche und Dialogfetzen verdichten sich im Sounddesign zu einer dynamischen, fiebrig flirrenden Kakofonie der Moderne. In der mittleren Werkphase wiederum entstehen nicht nur die erwähnten grossformatigen Spielfilme, sondern auch eine Reihe von Dokumentarfilmen. Vehementer noch als in den Spielfilmen – gleichzeitig motivisch eng mit diesen verknüpft – zeichnet Jia in seinen dokumentarischen Arbeiten das Bild eines Landes, das von einem zugleich ökonomischen und kulturellen Wandel erfasst worden ist, der keinen Stein auf dem anderen lässt. 24 City (2008) – der Film des Regisseurs, der historisch am weitesten zurückblickt, bis in die Zeit vor der Kulturrevolution – rekonstruiert die wechselhafte Geschichte einer Waffenfabrik, die einst ein maoistisches Vorzeigeunternehmen war, aber heute den Anschluss an die industriellen Dynamiken der Gegenwart verloren hat, in einer hochgradig artifiziellen, fast schon monumentalistischen Ästhetik. Tatsächlich treten neben ehemaligen Fabrikarbeitern auch Schauspieler:innen auf, werden historische Zeugenschaft und Illusionskino ununterscheidbar.

Heisses Begehren

Die Filme seit A Touch of Sin greifen zwar die Bilder des Genrekinos auf, werden dadurch aber nicht glatt und gefällig, sondern ganz im Gegenteil unruhiger, ambivalenter. A Touch of Sin selbst handelt von vier eruptiven, logisch nicht nachvollziehbaren Gewalttaten; Miniaturen, wie von einer «Vermischtes»-Seite einer Tageszeitung. Lediglich eine einzelne Geschichte zu erzählen, damit gibt sich Jia immer weniger zufrieden. Zu reichhaltig, zu widersprüchlich, zu ambivalent ist die Welt, sind auch die Menschen. Wo A Touch of Sin die vier Episoden zu einer Art Schockmontage chinesischer Gewaltverhältnisse gruppiert, entwerfen Mountains May Depart und Ash Is Purest White epische Erzählbögen nur, um sie vermittels wagemutiger Zeitsprünge und überraschender Tempo- und Stimmungsänderungen wieder in sich zusammenfallen zu lassen. Menschen verschwinden in diesen Filmen von einem Moment auf den anderen spurlos und tauchen ebenso plötzlich wieder auf. Heisses Begehren – alle Spielfilme Jias sind auf die eine oder andere Art auch Liebesfilme – verwandelt sich schlagartig in kalte Indifferenz.

Der Zukunft zugewandt

Schritt für Schritt, so scheint es, erweitert Jia sein Repertoire, wird es immer unberechenbarer. Was sein Werk dennoch zusammenhält und unverwechselbar macht, das ist, vielleicht vor allem anderen, die Art, wie er Menschen filmt, wie er einzelne, individuelle Körper in Medien seiner filmischen Geschichtsschreibung transformiert. Das gilt zum Beispiel für Wang Hongwei, den wichtigsten Schauspieler seines Frühwerks – einen ungebändigten Kinokörper, der auf sehr grundsätzliche Weise nicht kompatibel ist mit den Anforderungen, die sowohl der Kapitalismus als auch die chinesische Staatsideologie an ihn stellen. Und es gilt erst recht für Zhao Tao. Seit Platform wirkt die gelernte Tänzerin, die seit 2012 auch mit Jia verheiratet ist, in seinen Filmen mit, spätestens seit Mountains May Depart ist sie Dreh- und Angelpunkt seines Kinos. In ihr und ihrem variantenreichen, emotional intensiven Spiel werden die Herausforderungen, die Ängste, aber auch die Glücksversprechen, die das Leben in der Moderne nicht nur in China mit sich bringt, eindringlich ins Bild gesetzt. Zum «Subjekt der Geschichte» oder gar zu einer Erlöserfigur wird sie dabei nicht. Es ist jederzeit möglich, das bleibt das ernüchternde Fazit aller Filme Jia Zhang-kes, im Zuge der welthistorischen Umwälzungsprozesse, die nicht nur in China den Alltag der Menschheit stellen, unter die Räder zu kommen. Was wir von Zhao Tao jedoch – vielleicht – lernen können: der offenen Zukunft nicht verschreckt auszuweichen, sondern uns ihr offenen Auges zu stellen.
Lukas Foerster

Lukas Foerster lebt in Köln und schreibt als freier Autor über das Kino und anderes.