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Hong Sangsoo: Choreografien des Alltäglichen

Es gibt viele Möglichkeiten sein Leben durcheinanderzubringen: Mal verliebt man sich Hals über Kopf, mal strandet man in einer fremden Stadt, mal trinkt man schlicht und einfach zu viel. Willkommen in der Welt von Hong Sangsoo! Im Mittelpunkt seiner Filme stehen Regisseur:innen, Schauspieler:innen und Dichter:innen, die sich mit kleineren und grösseren Krisen konfrontiert sehen. Was erwartet man vom Leben? Wo soll es hingehen? Über diese Fragen sprechen und streiten Hongs Figuren mit grossem Ernst wie absurd-herrlicher Komik. Die einzelnen Filme mögen sich im ersten Moment ähnlich anhören, doch seit seinem Debüt 1996 variiert und spiegelt Hong seine Geschichten auf überaus lustvolle und überraschende Weise. Dabei kann er auf eine treue Truppe von Schauspieler:innen setzen, zu denen nicht zuletzt auch Isabelle Huppert gehört. Anlässlich des Kinostarts von Was diese Natur dir sagt (ausgezeichnet mit dem Silbernen Bären der Berlinale 2025) widmet das Filmpodium Hong Sangsoo zum ersten Mal in Zürich eine Retrospektive und lädt zum Entdecken dieses aussergewöhnlichen Filmemachers ein. Der englische Titel des bislang letzten der 33 Filme von Hong Sangsoo – What Does that Nature Say to You (2025, dt. Was diese Natur dir sagt) – über einen Jungschriftsteller, der zum ersten Mal die Eltern seiner Freundin besucht, scheint eine Frage zu stellen. Beim Lesen fällt jedoch auf, dass das Fragezeichen am Ende fehlt. Der Entzug des Fragezeichens lässt uns im Unklaren darüber, ob es sich bei der vermeintlichen Frage überhaupt um eine Frage handelt. Sie lässt uns eine Frage befragen, die vielleicht doch eher eine Feststellung in Form einer Frage ist, auf die es keine Antwort geben kann, da sie durch das fehlende Fragezeichen eben keine richtige Frage ist. Und trotzdem ist der Fragecharakter des Titels damit nicht neutralisiert, sondern insistiert als rätselhafte Formel fort. Man könnte auch sagen, dass es sich bei diesem schrägen Titel, der so typisch für die sehr spezielle Ironie der Filme von Hong Sangsoo ist, nicht um eine Nicht-Frage handelt. Der Titel stellt eine grosse Frage nach dem Sprachcharakter der Natur, ohne explizit zu fragen. Die Hoffnung der Zuschauer:innen, der Film werde diese Frage beantworten, wird jedoch enttäuscht. Zwar gibt es eine beeindruckende Szene, in der der schwer verkaterte und kurz zuvor von seinen Schwiegereltern gedemütigte Jungschriftsteller nachts im Garten die Blüten eines Blumenstrauchs mit seiner Handytaschenlampe betrachtet. Doch dieser Moment ist, wie so oft bei Hong, so beiläufig und Signifikanz-entbehrend in verrauschter Low-Fi-Textur inszeniert, dass von einem epiphanischen Augenblick, in dem sich das Buch der Natur dem jungen Dichter romantisch offenbart, nicht die Rede sein kann. Anstatt existenzielle Sinnstiftung durch die Natur in einem prekären Moment lebensweltlicher Irritation zu erfahren, wird der junge Dichter mit dem Scheitern des Sinns konfrontiert. Auf die Frage der Nicht-Frage folgt eine Nicht-Antwort. Die Natur verweigert ihm einen Ausdruck, weil er selbst nicht weiss, was er vom Leben, von der Welt und von der Natur will. Will er sich wirklich als Poet versuchen oder will er mit seinen 30 Jahren eigentlich nichts tun? Ist sein nichtsnutziges Slackertum Zeichen einer ethischen Haltung oder ist es reiner Desorientierung geschuldet?

Unterschwellige Irritationen

Auf diese Fragen wird man in Was diese Natur dir sagt ebenso wenig eine Antwort finden wie in allen anderen Filmen von Hong Sangsoo. So alltäglich und unaufdringlich seine Filme mit ihren immer wiederkehrenden profanen Ritualen des Redens, Essens und Trinkens auch daherkommen, so ist ihnen eine radikale Sinnverweigerung eigen, bei der sich eine Kluft zwischen Sprechen und Handeln, Signifikant und Signifikat öffnet. «Ich liebe dich» – auf Koreanisch «Saranghae» – wird dabei so oft zwischen Hongs Männern und Frauen geäussert, dass es zum trügerischsten aller Sprechakte wird. Die Authentizität des Gefühls wird durch die ironischen Wiederholungsschleifen sowie durch die illusionistische Wirkungsweise des in grossen Mengen konsumierten Alkohols in Zweifel gezogen. Bei Hong ist jedes Versprechen ein Versprechen, ein linguistischer Lapsus. Diese Sinnzusammenbrüche durchziehen nicht nur das gesprochene Koreanisch mit seinen fehlenden Interpunktionen, abgebrochenen Sätzen, gestammelten Liebeserklärungen und gelallten Ausrufen, sondern kontaminieren auch die Form der Filme selbst: Unmotivierte Zooms, Kameraschwenks auf nebensächliche Objekte, abrupt einsetzende Voiceovers und in den späteren Filmen ab Introduction (2021) eine bis zur völligen Verschwommenheit reichende Unschärfe sorgen für eine permanente unterschwellige Irritation. Diese amateurhaften Interventionen lassen sich jedoch nicht einer kohärenten, autorenhaften Intention zuordnen. Fragt man Hong Sangsoo etwa nach dem Grund der Zooms, die mit Tale of Cinema (2005) in seine Filme einziehen, so erhält man oft nur die Nicht-Antwort, dass er plötzlich den Impuls verspürte zu zoomen, ohne zu wissen, warum. Die Zooms sind auf gewisse Weise bedeutsam, ohne eine bestimmte Bedeutung zu vermitteln. Sie sind so asignifikant signifikant wie formlos formalistisch.

Imaginäre Filme

Als totaler Autorenfilmer, der seine Filme nicht nur selbst schreibt und produziert, sondern seit Introduction auch für Kamera, Schnitt und Musik verantwortlich zeichnet, ist Hong Sangsoo ein Autor, der nicht nur nicht weiss, warum er zoomt, sondern der seine eigenen Filme im Voraus nicht kennt. Er beginnt den Dreh nämlich schon lange ohne fertiges Drehbuch und nur mit einer kurzen Skizze – eine Produktionsmethode, die in ihrer radikalen Unbestimmtheit eine Ausnahmestellung gegenüber der Dominanz des drehbuchbasierten Filmemachens einnimmt. Diese eigentümliche Simultanität von Schreiben und Filmen, Projekt und Prozess, Idee und Ausführung prägt den jüngeren Filmen eine zufällige Flüchtigkeit auf, die von uns Zuschauer:innen in weitere imaginäre Filme fortgesponnen werden kann. Hongs Tendenz zum Skizzenhaften, Unfertigen und Vorläufigen sowie seine Weigerung, den Sinn von Wörtern und Bildern zu fixieren, machen auch die Zuschauer:innen zu mentalen Filmemacher:innen. Aus den offenen Fragmenten von Hongs unbeantwortbaren (Nicht-)Fragen setzen sie ihre eigenen Filme zusammen. Darin liegt das unvergleichliche Vergnügen am Sehen und Hören von Hongs Filmen, deren Figuren und Formen ins Scheitern verliebt sind, die aber dennoch bei uns keine Frustration, sondern eine Lust an der Erfindung eigener (Hong-)Filme erzeugen. Beim Verlassen eines Hong-Films lässt sich oft beobachten, dass die Zuschauer:innen die gesehenen Szenen völlig unterschiedlich deuten. Ist die letzte Szene von In Our Day (2023), in der sich der alternde Dichter entgegen strikten ärztlichen Verboten wieder von zwei jüngeren Fans zu Alkohol und Zigaretten verführen lässt, nun als tragischer Niedergang oder als komische Lebensbejahung zu verstehen? Beides schliesst sich gegenseitig aus, doch bei Hong sind Ernst und Lächerlichkeit oft ununterscheidbar.

Lösen Hongs Filme bei den Zuschauer:innen einen veritablen Deutungszwang aus, so hat dies nicht einfach mit der Pluralität verschiedener Interpretationsmöglichkeiten zu tun, sondern mit der antihermeneutischen Sinnverweigerung der Filme. Dadurch bringen sie eine Wucherung von Sinnzuschreibungen in Gang. Bei einem Werkensemble, das sich weniger durch die formale Geschlossenheit der einzelnen Filme auszeichnet als vielmehr durch einen unabschliessbaren Wiederholungsprozess, in dem jeder Film die vorangegangenen minimal variiert und umschreibt, entsteht durch jede Auswahl (wie jetzt in Zürich) eine neue Kombinatorik aus Filmen, Szenen und Momenten – ein Hong-spezifisches Déjà-vu. Da Hong Sangsoo mit einem verschworenen Team von Stammschauspieler:innen arbeitet, die in ähnlichen Rollen und Konstellationen wiederkehren, stellt sich oftmals der leicht halluzinatorische Eindruck ein, eine Szene schon in früheren Filmen gesehen zu haben, sie aber in der Zwischenzeit vergessen zu haben und sie durch die Wiederholung wieder zu erinnern. Während die erinnernde Wiederholung dem Vergessen entgegensteht, gibt es bei Hong aber auch den Modus einer Wiederholung, die durch das Vergessen in Gang gebracht wird. In Tale of Cinema, der nicht nur durch seine Film-im-Film-Struktur in vielerlei Hinsicht eine Schlüsselstellung in Hongs Filmografie einnimmt, wird der Film wiederholt, weil die Erinnerung an den Film vielleicht schon vergessen ist. Das mag bei einem Regisseur nicht überraschen, bei dem Alkoholrausch und die dadurch bedingte Amnesie im Zentrum der alltäglichen Praxis stehen. Figuren wiederholen frühere Ereignisse in dem Bewusstsein ihrer Neuartigkeit, da sie sich aufgrund des Filmrisses schlicht nicht mehr an das Vergangene erinnern können. «Ich kann mich nicht erinnern» ist ein Satz, der in Hong-Filmen häufig fällt. Manchmal scheint es sich wie etwa in The Day He Arrives (2011) so zu verhalten, dass der Film sich quasi selbst vergisst und daher immer wieder in einem Loop in derselben Bar landet. Die Frage, ob es sich dabei um eine lineare Abfolge von Barbesuchen handelt oder um verschiedene Versionen einer virtuellen Situation, lässt sich natürlich nicht eindeutig beantworten. Einer Antwort können wir uns jedoch sicher sein: Der nächste Film von Hong Sangsoo wird wiederkehren. Sein jüngster Film, der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte, trägt den bezeichnenden Titel The Day She Returns (2026).
Sulgi Lie

Sulgi Lie ist Filmwissenschaftler an der Bauhaus-Universität Weimar und ist Autor von «Hong Sangsoo. Das lächerliche Ernste» (Wien 2022).

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