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Joe Dante: Subversion frisst Mainstream

Mit ihrer Mischung aus Humor und Horror, bissiger politischer Satire und liebevoller Hommage an B-Movies sind Joe Dantes Filme eine wilde Achterbahnfahrt durch die amerikanische Popkultur und Filmgeschichte. Sein Handwerk lernte der Genre-Auteur bei Roger Corman, und wenn ihn das Studiosystem auch eher misstrauisch beäugte, so ist der Regisseur von Kultfilmen wie Gremlins oder The Howling zweifellos einer der grossen Filmemacher des Hollywood-Kinos des 20. Jahrhunderts. Ein Autor, der furchtlos und mit wilder Originalität persönliche wie politische Filme für ein breites Publikum produzierte und damit Generationen von Zuschauer:innen in ihren Bann gezogen und verzaubert hat. Es ist uns eine grosse Ehre, Joe Dante am 16. April im Filmpodium begrüssen zu dürfen und mit ihm in Anschluss an eines seiner Schlüsselwerke Matinee über seine Filme und seine Liebe zum Kino zu sprechen. Joe Dante hat einmal festgestellt, dass «es in Hollywood schwierig ist, Filme mit persönlicher Note zu machen. Aber wenn man keine Filme macht, die man selber mag, dann kann man auch nicht erwarten, dass andere sie mögen.» Diese Argumentation scheint mir grundvernünftig, und zwar erst recht, weil mich alle Dante-Filme begeistert haben. Dabei haben wenige Regisseure in den letzten 50 Jahren persönlichere und originellere Hollywoodfilme gemacht, ohne dafür die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten. Dantes wohl bekanntester Film Gremlins (1984) beginnt mit einem ironischen visuellen Gag: Am Anfang des Vorspanns steht der grosse Produzenten-Credit «Steven Spielberg presents» ganz oben im Bild … am Ende ist die Regienennung von Dante unter dem Bankschalter am Arbeitsplatz des Protagonisten versteckt. Aber diese Zurückhaltung war vielleicht auch eine Überlebensstrategie, denn Dantes Dilemma ist nicht neu: Als starke Regiepersönlichkeit in einem System, das anonyme Fliessbandarbeit bevorzugt, konnte er so seine Anliegen in die Traumfabrik schmuggeln. Auch wenn die Studios Dante öfter Schwierigkeiten machten, ist sein Werk konsistent lustig, interessant und aussagekräftig geblieben. So wurde das Ende seiner genialen Satire The 'Burbs (1989) mehrfach umgeschrieben, weil es als zu finster für die Star-Persona von Tom Hanks schien. Aber das änderte nichts an der komischen Meisterschaft, mit der zuvor gezeigt wurde, wie fremdenfeindliche Hysterie nach der Ankunft neuer Nachbarn im Viertel nachgerade apokalyptisch entgleist. Die brillante Orchestrierung von Dante’schem Chaos ist ein Markenzeichen, das keine kommerziellen Kompromisse zerstören können.

Apokalyptisches Vergnügen

Seine gewaltigste Apokalypse bastelte Dante schon als Student, zusammen mit dem späteren Produzenten Jon Davison. Für The Movie Orgy (1968) setzen die beiden Cinephilen aus ihrer Sammlung von beknackten Billigfilmen, unfassbaren TV-Shows und noch dementeren Werbespots eine Art Trashkino-Zeitgeistbarometer-Frankenstein-Kreatur zusammen, die gleichermassen betrunkener Mitternachtsspass wie Avantgardefilm war und als derangiertes US-Zeitbild die Blaupause für Dantes folgende Regiearbeiten lieferte. (Viele der lustigen Filmausschnitte und Werbeclips, die später bei Dante auf Leinwänden oder Bildschirmen zu sehen sind, tauchen hier schon auf.) In roher Form zeigt sich bereits Dantes Kunst, durch Montage komplexe, sogar widersprüchliche Bedeutungen und Gefühle zu erzeugen: eine schier endlose Gegenüberstellung von Bildern, Ideen, Klischees, Stilen, Figuren, Musikeinsätzen (die Liste liesse sich in Dante-Manier beliebig erweitern), in denen die Wirkung der Popkultur spürbar wird, und zwar sowohl als Vergnügen wie als gewalttätige Kraft, wobei sich beides verzwickt verzahnt. Der junge B-Film-Liebhaber Dante war vom unabhängigen Produzenten und Filmemacher Roger Corman begeistert, bei dem sich angehende New-Hollywood-Regiestars wie Scorsese und Coppola die Sporen verdienten. Als waschechter Fan wurde Dante Anfang der 1970er mit Allan Arkush bei Cormans New World Pictures zum Schnittmeister befördert, bald gelang der Sprung vom «Trailer Squad»-Team in den Regiestuhl. Die Arbeit an subversiven Perlen wie Piranha (1978) schien zunächst überfordernd, weshalb Dante (ein verzeihlicher Irrtum) The Howling (1981) als «meinen ersten wirklich guten Film» bezeichnete. Dantes Beschäftigung mit Popkultur tritt hier in den Vordergrund: eine Meditation über den Werwolf-Mythos im Medienzeitalter, wobei die Genre-Regeln Publikum und Charakteren in klassischer Dante-Manier durch den Klassiker The Wolf Man (1941) erklärt werden, der bei der Hauptfigur Kate über den Fernseher flimmert. The Howling offenbart das Nahverhältnis von Horror zu Komödie im Herzen von Dantes Projekt. In einer Schlüsselszene erklärt der Werwolf (gespielt von Robert Picardo, wie Dick Miller ein unverzichtbarer Eckpfeiler in Dantes Stamm-Ensemble von Charakterköpfen): «I want to give you a piece of my mind.» Dann greift er in sein Gehirn und macht genau das.

Sympathie für die Schurken

Der Erfolgsfilm Gremlins kombiniert die Genres auf populärere, aber nicht weniger verblüffende Weise. Spielberg hatte in Dante jenes Talent erkannt, das er in seinem Comedy-Epos 1941 (1979) vergeblich anstrebte: das Arrangieren von überbordenden Tableaus voller Gags und Details im Stil des «MAD»-Satiremagazins, ein zentraler Einfluss für Dantes Generation. Wo Spielbergs eigene Filme oft kitschig blieben, sprengte Dante in Gremlins ein US-Weihnachtsidyll à la Frank Capra mit anarchischen Tendenzen auf. Die (physisch und allegorisch) mutierenden Titelfiguren verkörperten zudem den Geist der von Dante geliebten Kino-Cartoons: Die Looney Tunes mit Bugs Bunny, Daffy Duck usw. haben sein Werk am stärksten geprägt. Bei Dante stehlen animierte Kreaturen den menschlichen Helden die Schau; Letztere sind zwar sympathisch, aber weniger interessant als die Schurken, die mit amüsierter Faszination ausgemalt werden, wodurch die satirischen Widerhaken sich (nur) scheinbar in Wohlwollen auflösen. Dantes Protagonisten sind eher wie die dem Untergang geweihte Weihnachtsgebäck-Familie aus Gremlins: wiedererkennbar, aber nicht individuell. Die Charaktereigenschaften werden mehr durch popkulturelle Einflüsse definiert – wie in Chuck Jones’ Cartoon-Klassiker Bugs’ Bonnets (1956), wo Elmer und Bugs ihr Verhalten buchstäblich wie Hüte wechseln. Dantes vergnügliches Science-Fiction-Abenteuer Innerspace (1987) scheint übrigens eine Art spielfilmlanger Tribut an die Animationsfilme. Nicht zufällig hat Chuck Jones darin einen Cameo (wie schon in Gremlins): Dantes persönlicher Held unter den Warner-Brothers-Animationsgenies wäre auch im Zentrum seines unrealisierten Traumprojekts Termite Terrace gestanden, einer Hommage an die Animationskünstler:innen aus Hollywoods goldener Ära. Immerhin konnte Dante für Anfang und Ende von Gremlins 2: The New Batch (1990) Bugs und Daffy von Jones animieren lassen. Bei dieser Fortsetzung hatte Dante ausnahmsweise absolute Freiheit, und er nutzte sie, um so viele verrückte Ideen wie nur möglich auf jedem Quadratzentimeter Leinwand unterzubringen. Gremlins 2 steht in der ruhmreichen Tradition der wenigen Spielfilme, deren Irrsinn an die Gag-Kaskaden der Looney Tunes heranreichen – die Non-Sequitur-Orgie Hellzapoppin’ (1941) und die besten Filme von Jerry Lewis und Frank Tashlin (der als Animationsfilmer begann). Das wie nebenbei servierte, aber zentrale Thema der kulturellen Isolierung in einer PR- und von Merchandising gesteuerten Welt ist seit dem Erscheinen des Films nur aktueller geworden. Selbiges gilt für die Reihe von Dante-Meisterwerken, die folgten: In Matinee (1993) gehen Kriegsbegeisterung und Kinofieber eine Allianz vor dem Hintergrund der Kubakrise ein, dazu gibt es mit dem perfekten Pastiche MANT! den wohl besten Film-im-Film aller Zeiten. Monsterfilmer John Goodman (modelliert nach dem für seine Werbe-Gimmicks berühmten William Castle, aber mit einem Schuss Roger Corman) zelebriert majestätisch die Magie des Kinos und die Trickbetrügerei des Showbusiness, bevor er in den Sonnenuntergang fährt, aus dem ein Helikopter zu den einlullenden Klängen von «The Lion Sleeps Tonight» auftaucht – Vietnam ist nicht fern. In der HBO-Produktion The Second Civil War (1997) resultiert die titelgebende Katastrophe aus sich überschneidenden politischen Aktionen, die durch die unvermeidlichen Missverständnisse in der modernen Medienwelt fatal deformiert werden – ein technologischer Turm von Babel. («If I know anything, I know what PR is, and it is what runs this country!») Small Soldiers, der Abschluss von Dantes «Kriegs-Trilogie», zu der auch Matinee zählt, ist trotz Studio-Eingriffen ein Opus magnum, in dem die satirischen Fluchtlinien der vorigen Filme zusammenlaufen, während durch militärische Technologie «verbessertes» Spielzeug in den Krieg zieht. «World War II was my favorite war», sagt ein zufriedener Phil Hartman vor seinem grossen neuen Fernseher: ein Satz, der täuschend gutmütig klingt, aber Dantes Ideen über das Verhältnis von Gewalt und Popkultur noch mal auf den Punkt bringt.
Christoph Huber

Christoph Huber ist Kurator im Österreichischen Filmmuseum und besitzt eine von Joe Dante signierte DVD von Frankenstein Meets the Wolf Man.

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