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Alfred Hitchcock: Part 2

Schlag auf Schlag geht es mit dem zweiten Teil unserer Alfred-Hitchcock- Retrospektive weiter. Mit dem Ausklingen der 1940er-Jahre hatte sich Hitchcock zwar fest etabliert in Hollywood, doch sein Ruf litt unter einer Reihe von Misserfolgen an der Kinokasse. Teil 2 der Retrospektive folgt nun Hitchcock auf seinem Weg ab den 1950ern: von der subversiven Patricia-Highsmith-Verfilmung Strangers on a Train über Klassiker wie Dial M for Murder (den wir in 3D zeigen), Rear Window, Vertigo und Psycho bis hin zu einer Auswahl seiner populären Fernseharbeiten. Wir freuen uns, als Gäste die Filmwissenschaftlerin und Autorin Renata Helker und den Filmemacher Christoph Hochhäusler zu begrüssen, die im Anschluss an Marnie, einen Film, in dem die Motive und Obsessionen Hitchcocks geradezu paradigmatisch sichtbar werden, ein ausführliches Gespräch führen werden. Alfred Hitchcock sei der «Master of Suspense», so ist sich die Filmgeschichtsschreibung einig. Ebenso sehr war er aber auch ein «Master of Pranks». Hitchcock liebte Streiche. Wenn man davon einmal gelesen hat, erscheinen seine Filme in anderem Licht. Sie sind nicht bloss deshalb so aussergewöhnlich, weil er mit Psychologie und Symbolik umzugehen und Spannung meisterhaft zu inszenieren wusste. Vielmehr ist seine Art, Spannung zu inszenieren, so meisterhaft dank seinem Sinn für Humor und Selbstironie. Den heutigen Thrillern und Krimis, die sich selbst todernst nehmen, fehlt diese Leichtigkeit, die Hitchcocks Werken eigen ist. Selbst wenn es um Mord und Verbrechen geht, stets bleibt ein Gefühl des Spielerischen. Es liegt oft in den Dialogen, manchmal aber auch in Details des Setdesigns. Das O. im Namen von Roger O. Thornhill (Cary Grant) in North by Northwest ist ein Hieb gegen seinen früheren Produzenten David O. Selznick. Danach gefragt, wofür das O. stehe, sagt Thornhill: «Nichts.» In The Birds erlaubt sich Hitchcock eine Prise Pennälerhumor, wenn Melanie (Tippi Hedren) mit einem alten Verkäufer in einem Laden spricht. Neben ihm hängt ein Bündel Würste, hinter ihr klaffen auf einem Regal pink glänzend die Öffnungen von handtellergrossen Meeresschnecken. Das ist nur darum witzig, weil diese Symbolik einen Dialog mit null erotischer Energie rahmt. Mehr als solcherlei Andeutungen lag damals bekanntlich nicht drin, weil es strenge Restriktionen des Zeigbaren gab. Umso aufgeladener sind die zweideutigen Wortgefechte. Besonders in To Catch a Thief mit Cary Grant als vermeintlichem Juwelendieb und in The Trouble with Harry – tatsächlich eine Komödie – dank den pointierten und bissigen Dialogen des Autors John Michael Hayes. Nicht von Hayes, aber ebenso brillant sind die Gespräche in North by Northwest. Ein Echo des Flirts zwischen Eve (Eva Marie Saint) und Roger (Cary Grant) hallt 40 Jahre später in Casino Royale nach, wenn Vesper Lynd (Eva Green) und James Bond (Daniel Craig) einander ebenfalls während einer Zugfahrt kennenlernen und sich sofort verlieben.

«It’s only a mooovie»

Anscheinend pflegte Hitchcock, durch und durch Scherzbold, am Set zu nervösen Mitarbeiter:innen zu sagen, man solle sich entspannen, weil: «It’s only a mooovie.» Im Drehbuch mag es vielleicht um Leben und Tod gehen, aber bestimmt nicht bei der Arbeit. Andererseits konnte sein Sinn für Humor auch sadistisch sein. Tippi Hedren, die bei den Dreharbeiten von The Birds unter der Arbeit mit lebenden Vögeln litt, schenkte er zum Geburtstag einen Kuchen. Als sie ihn anschnitt, kam eine lebende Möwe hervor. Armes Tier, arme Hedren. Ihrer damals sechsjährigen Tochter Melanie (heute Griffith) schenkte Hitchcock eine Puppe, die genauso frisiert und angezogen war wie ihre Mutter in The Birds. Die Puppe lag in einer Holzkiste, die Hedren vorkam wie ein Sarg. «Hitchcock? Er war ein Idiot. Sie können mich gerne zitieren», gab Melanie Griffith der Biografin Charlotte Chandler zu Protokoll. Manchmal reden Regisseur:innen oder auch Schauspieler:innen in Interviews davon, dass man seine Figuren lieben müsse. Hitchcocks Zuneigung für seine Held:innen äusserte sich darin, dass er auch sie narrte. Vertigo ist die tragische Geschichte einer grossen Täuschung. Dial M for Murder ist ein übler Streich eines Mannes an seiner untreuen Frau (Grace Kelly) und nur deshalb witzig, weil sie sich als schlauer erweist als er. Statt zu seinem Opfer zu werden, hilft sie dem Inspektor, ihren Mann des geplanten Mordes zu überführen. In The Wrong Man oder North by Northwest wird jeweils ein Ahnungsloser zum Opfer einer Verwechslung und gerät in Lebensgefahr. Oder er wird unschuldig eines Verbrechens beschuldigt, wie der Priester (Montgomery Clift) in I Confess und der Held in Strangers on a Train, dem ein geisteskranker Killer einen Mord anzuhängen versucht.

Vorläufer des «Cosy Crime»

Dass man als Zuschauerin fast immer mehr weiss als die Verwechselten und Verfolgten, ist das effektivste Mittel des Suspense. Hitchcock stürzt seine Figuren zwar in Zwangslagen, ähnlich wie Franz Kafka es in seinen Erzählungen tat. Aber anders als beim Prager Autor finden die Bedrängten beim britischen Regisseur aus ihren Labyrinthen wieder heraus. Und das meist auch noch mit einer schönen Blonden am Arm. Hitchcocks Humor, gepaart mit seinem Talent für Spannungsaufbau, macht ihn im Grunde zu einem Vorläufer dessen, was man heute «Cosy Crime» nennt. Das sind Krimis oder Krimikomödien wie Knives Out oder die Netflixserie The Residence, in denen nicht das blutige Morden im Fokus steht, sondern die Arbeit eines scharfsinnigen Ermittlers oder einer Ermittlerin. Wer heute nicht genug bekommen kann von True-Crime-Serien, dürfte sich in seiner Faszination fürs Böse ertappt fühlen von der Szene in Strangers on a Train, in der eine distinguierte alte Dame, ganz aufgeregt ob der Gerüchte über diesen mysteriösen Mord vor ein paar Tagen, sich zum Schein würgen lässt und nicht ahnt, dass sich da gerade die Finger des wahren Killers um ihren Hals legen. Es ist nur Spass, sie gluckst verzückt, aber diese Hände haben vor Kurzem eine Frau getötet. Dem damaligen Publikum war Psycho zu brutal, da floss zu viel Blut. Aber für heutige Gemüter – obwohl Hitchcocks Filme doch von psychischen Abgründen, von gewissenlosen und verstörten Menschen handeln – wirken viele seiner Werke fast schon charmant. Auch wenn sie düster sind, verursachen sie kaum Albträume, weil die Sehgewohnheiten sich gemeinsam mit den technischen Möglichkeiten des Kinos stark weiterentwickelt haben.

Umkehrung des Blicks

Was heute hingegen irritiert, ist der allgegenwärtige Sexismus. Frauen haben es schwer bei Hitchcock. Sie sind böse Mütter, eifersüchtige und unberechenbare Biester oder hilfsbedürftige Schönheiten, die der Held retten darf. Cary Grant hatte für North by Northwest seine Geliebte Sophia Loren als Co-Star vorgeschlagen, aber sie war Hitchcock nicht blond genug. Die leicht bekleideten Nachbarinnen in Rear Window, die Jeff stundenlang beobachtet, sind vergleichsweise harmlos. Er ist zwar ein Macho, aber kein Perverser. Aber dass er seiner Freundin Lisa (Grace Kelly) mehrmals «Shut up!» befiehlt, möchte man nicht hören. Und man will nicht sehen, dass Mark (Sean Connery) seine Frau Marnie (Tippi Hedren) in Marnie vergewaltigt. Erst recht nicht mehr, seit bekannt ist, dass Sir Connery es in der Realität für angebracht hielt, Frauen «wenn nötig» zu schlagen. Hedren wandte sich nach Marnie von Hitchcock ab – und die Filmemacherin Bette Gordon 1984 mit Variety den Blick in die andere Richtung. Sie ist eine von zahlreichen Filmemacher:innen, die sich mit Hitchcock auseinandersetzen, wie etwa Brian De Palma, Chantal Akerman und womöglich auch Richard Curtis, der mit der blau gefärbten Suppe in «Bridget Jones’ Diary» das «Blue Dinner» zitiert, einen von Hitchcocks berühmten Streichen. Variety von Bette Gordon ist ein New-York-Thriller über Voyeurismus, Sexualität und Sexismus. Es geht um Christine, die an der Kasse eines Sexkinos arbeitet und eine Obsession mit einem älteren, reichen Kinogänger entwickelt. Sie beobachtet ihn, verfolgt ihn, wie die Männer es mit den Frauen in Rear Window und Vertigo machen. Variety nimmt Bezug auf den «Master of Suspense», aber anders als dieser, der Welten nach seinem Geschmack erschuf, blickt Gordons Film auf das weibliche Erleben der Realität. Dieser Blick war damals noch sehr neu.
Denise Bucher

Denise Bucher ist Redaktorin Kultur bei der «NZZ am Sonntag»