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Why Look at Animals?

Tiere sind heute allgegenwärtig – in Filmen, auf spektakulären Wild-Life- Fotografien und in lustigen Youtube-Videos. Aber eigentlich, so argumentierte John Berger schon 1970 in seinem Essay «Why Look at Animals?», ist diese Omnipräsenz ein Zeichen von Verlust. Während nicht zweckgebundene Tiere aus unserem Alltag weitgehend verschwunden sind, kehren sie als Bilder zurück: Der Film ist der kontrollierte Ort, an dem die Begegnung mit dem Tier neu inszeniert wird – zwischen Sehnsucht, Faszination, Projektion und Entfremdung. Das Filmpodium macht sich auf Spurensuche durch 100 Jahre animalische Kinogeschichte – und leuchtet dabei zwischen Spielfilm und klassischer Dokumentation auch in obskurere Winkel. Als Ausgangspunkt steht die Schweizer Premiere von Werner Herzogs neustem Film Ghost Elephants, einer mythomanisch anmutenden Suche nach einem riesigen Geister-Elefanten in Angola, in dem es nicht zuletzt auch um die Frage geht, was uns diese Bilder schenken. Wie so vieles und wie so oft, so beginnt auch dieses Verhängnis in der Bibel. 1. Mose 28, Gott spricht zu Adam und Eva: «Füllet die Erde und machet sie euch untertan, und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.» Damit ist das Machtgefälle gesetzt und die Hierarchie klar: zwischen der des Denkens und Fühlens mächtigen Krone der Schöpfung auf der einen Seite und der instinkt- und reflexgetriebenen, wilden Bestie auf der anderen. Mensch und Tier, geistreicher Erfinder und Gestalter seiner Welt versus niedere Kreatur und blosses Geschöpf. Das Verhältnis ist fortan geprägt von Arroganz, Hybris und Egoismus und entwickelt sich mit der Zeit zu einem zwischen Täter und Opfer.

Auf See

Doch die Rollen können auch wechseln, wie etwa Käpt’n Ahab zeigt, der dem weissen Wal in Moby Dick den Verlust seines Beines nicht vergeben kann und dem «Monsterfisch» Blutrache schwört. Eine Geschichte von biblischer Dimension, nicht nur wegen des schieren Umfangs von Herman Melvilles Roman, in dem sie erzählt wird. Ahab ist die Verkörperung der Hybris, jener blasphemischen Selbstüberschätzung des Menschen, die zu seiner Vertreibung aus dem Paradies geführt hat. Zudem gemahnt der Wal an das Schicksal von Jona, der verschlungen wird, weil er es besser wissen will als Gott. Wie Melvilles Roman mischt auch John Hustons Adaption von 1956 Fiktion und Fakten – Huston kommissionierte Aufnahmen einer echten Waljagd, um das blutige Gemetzel authentisch präsentieren zu können – und trägt mit dem legendär fehlbesetzten Gregory Peck als Ahab die Spuren heroischen Scheiterns auch auf der Produktionsebene in sich. In einer gegenläufigen Bewegung erarbeiten Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel vom Sensory Ethnography Lab der Universität Harvard in ihrem Experimental-Dokumentarfilm Leviathan (2012) aus einer Arbeitswelt einen mythischen Raum. Unterwegs an Bord eines Fischkutters, der vor der Küste von New Bedford, Massachusetts, seiner Arbeit nachgeht, erwächst aus den Aufnahmen des modernen Fischfangs ein Bild der ultimativen und umfassenden Vernichtung. Kleine Digicams sind am Equipment montiert – Masten, Winden, Netzen, Ölzeug - und schwimmen mit in der sterbenden organischen Masse an und über Bord; die Desorientierung, resultierend aus permanenter Bewegung und unnachgiebigem, dauerndem Lärmen, lässt einen Eindruck vom Wirken roher, kosmischer Kräfte entstehen: einer alles zermalmenden, umwälzenden Mechanik, die die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Auf dieser Ebene wird das einherstampfende und dabei stoisch mordende Fisch-Schiff zum legendären Untier des Urchaos, Leviathan, der durch die organische Masse pflügt, Pläne und Träume nicht achtend. Und wieder grüsst der Wal, der Jona verschlang und Ahab das Bein nahm.

Im Dschungel

Aus der biblischen Bredouille helfen die Darwinisten, die behaupten, der Mensch sei auch bloss ein Tier und stamme vom Affen ab. Seinerzeit hat das für ordentlich Skandal gesorgt. Sowie eine tiefe Beunruhigung in den Homo sapiens gepflanzt, die möglicherweise aus schockartiger (Selbst-)Erkenntnis resultierte. «I wanna be like you», singt Orang-Utan King Louie in The Jungle Book (Wolfgang Reitherman, 1967) und fordert vom erbeuteten «Man-Cub» Mogli das Feuer, den Zivilisationskatalysator schlechthin. Aber Mogli hat keine Ahnung vom Feuer, er wurde (wie die Rom-Gründer-Brüder Romulus und Remus) von Wölfen aufgezogen. Auf dem Gebiet der Anthropomorphisierung sind die Walt Disney Animation Studios ungeschlagen; Verniedlichung des äusseren Erscheinungsbildes und Betonung der jeweils tiertypischen Verhaltensweisen gehen Hand in Hand, es entsteht ein beeindruckender - chimärischer? - Hybrid, der eine Nähe herstellt, die freilich täuscht. Entfernung unterdessen in Ghost Elephants (2025): Werner Herzog begleitet eine Expedition, die sich in den angolanischen Hochlanddschungel und auf die Suche nach den mythischen Nachkommen des Riesenelefanten Henry begibt; der wurde 1955 auf einer Safari ermordet und steht seither ausgestopft im Smithsonian in Washington. Getreu dem Motto, dass der Weg das Ziel sei, unternimmt Herzog allerhand Um- und Abschweife in jede erdenkliche Richtung, gleitet sanft vom Realen ins Fantastische und erblickt am Ende im uralten Gesicht eines Fährtenlesers einen jener Jäger und Sammler, die in prähistorischen Zeiten Mammuts an die Höhlenwände malten. Hingegen verirren sich in É noite na América (2022), Ana Vaz’ Reflexion über Landraub und Habitat, die wilden Tiere aus dem Dschungel Brasiliens heraus. In die Metropolen hinein, die ihren Lebensraum fressen – und öfters bleiben sie, weil sich auch aus Mülltonnen noch leben lässt. Nicht allen ist der Urban Lifestyle bekömmlich. Dann landen sie krank und schwach im Zoo, der auf diese Weise zur Rettungsstation für Asylsuchende wird und zugleich zu einem Ort, an dem die Vertriebenen den Blick zurück auf die Vertreiber werfen.

Zugleich fremd und ein Gegenüber

Das Tier als nicht menschliches Wesen ist das wesentlich Andere und als solches interpretationsoffen. Als Dämon oder Monster gedacht, zieht es die Metapher an. So lassen sich mit seiner Hilfe zivilisationskritische (also selbstkritische) Geschichten erzählen. Legenden, die nicht mehr am Lagerfeuer gesponnen, sondern im Licht des Projektors auf die Leinwand gebracht werden. Godzilla von Ishiro Honda gebiert 1954 nicht nur eine bis heute sich fortpflanzende Reihe von sogenannten Suitmation-Filmen, in denen zum allgemeinen Gaudium ein erwachsener Mann in einem aus Gummi gefertigten Saurierkostüm eine Modelllandschaft zu Kleinholz trampelt. Godzilla ist Teil der Versuche Japans, das Trauma der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zu verarbeiten und darüber hinaus Mahnung, es sich mit Elementarenergien und Urmächten nicht zu verderben. Aber auch sehr kleine Tiere können sehr grosse Probleme verursachen, wie (1974), der einzige Langfilm des genialen Grafikers und Meisters der Vorspann-Titel, Saul Bass, am Beispiel von Ameisen bezeugt. Aggressiv, giftig und blitzgescheit drehen sie den Spiess um und machen sich die Menschheit untertan. Ein Schreckensszenario, das von Ken Middlehams Makrofotografie unterstrichen wird, die das befremdliche Erscheinungsbild des Insekts - sechs Beine am Körper! Fühler am Kopf!! Zangen im Gesicht!!! – so richtig zur Geltung bringt. Eher selten nimmt das Monster derart vertraute Gestalt an wie in Samuel Fullers White Dog (1982). Der lange böswillig missverstandene Film, dessen Nichtveröffentlichung Fuller nach Frankreich vertrieb, handelt von einem Schäferhund, der von Rassisten dazu abgerichtet wurde, Schwarze zu töten. Ein schwarzer Tiertrainer versucht, den unschuldsweissen Bluthund zu reformieren, der als Anknüpfungspunkt der Debatte über ein gesellschaftliches Übel dient. Lässt Rassismus sich verlernen?

Das Zuhause im Moment

Je mehr Entfremdung das Verhältnis des Menschen zur Erde prägt, umso mehr wird das Tier zum Fluchtpunkt, auf den die Sehnsucht des Menschen nach dem verlorenen Paradies sich richtet. Zerstörung von Lebensräumen, Ausbeutung des Planeten, Ressourcenverschwendung, Artensterben, industrielle Landwirtschaft, Massentierhaltung, um nur einige der gegenwärtigen Katastrophen zu nennen, sind dem herrschenden kapitalistischen System inhärent. Das Tier, das sich weder um Wertschöpfung und Wirtschaftswachstum noch um Geld und Gold schert, bietet Zuflucht und Trost. Auf die Frage aller Fragen schweigt es. Sein Sinn liegt in der schieren Existenz. Nur sehr wenige Filme wagen sich an den Versuch, dies zu zeigen. Noch wenigeren gelingt es. Wie Au hasard Balthazar (Robert Bresson, 1966), in dem Leid und Glück eines Esels mit Leid und Glück der Menschen unauflöslich ineinander verschränkt sind. Dergestalt, dass schliesslich der Schimmer eines tatsächlich geteilten Daseins hienieden sichtbar wird. Oder Los Reyes (Iván Osnovikoff, Bettina Perut, 2018), in dem die befreundeten Streunerhunde Fútbol und Chola jenseits jeder Funktionalisierung an ihrem Hundeleben teilhaben lassen. Und was ist es, was wir sehen, wenn die Kamera dem Hundepaar ganz nahe kommt? Atmende, vibrierende Körper in einer Welt anderer Wertigkeiten. Lebewesen, die sich der Interpretation entziehen und doch Respekt gebieten. Tiere eben.
Alexandra Seitz

Alexandra Seitz ist freie Autorin und Filmkritikerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Wien.