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Digna Sinke: Topografien der Erinnerung

Digna Sinke geht aufs Ganze. In ihrem neusten Werk Key to Heaven lässt die Filmemacherin die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm weit hinter sich und verwebt vor dem Hintergrund der Energiewende im Amsterdamer Hafen die erfundene Geschichte um eine Industriefotografin mit der eigenen. Entstanden ist ein hellwaches, poetisches Meisterwerk über Festhalten und Loslassen – vielleicht der Kulminationspunkt ihres Schaffens. Seit den frühen 70ern ist für die Grande Dame des niederländischen Films die flache heimatliche Landschaft der Ausgangspunkt ihrer Arbeiten; die vorgefundene und die vom Menschen gestaltete Natur, Industrie- und Agrarlandschaften und die Frage, was das eine mit dem anderen macht. Die Topografie des Landes wird bei Sinke zum Spiegel der Seelenlandschaft. Traumata und Verletzungen graben sich in beides ein. Egal ob sie sechs Menschen mit verfrühter Midlife-Crisis auf Fernwanderung schickt, das Sammeln als widerständigen Akt gegen das Vergehen der Zeit porträtiert oder die Renaturierung einer Agrarinsel und die Umwandlung zum Freizeitpark festhält – Sinke erzählt mit präzis kadrierten Bildern, kompromisslos und im festen Glauben, dass wir uns der Zukunft stellen können. Widerstandsfähig und verletzlich. Am 11. Juni ist sie zur Premiere ihres neusten Films und für eine kleine Werkschau im Filmpodium zu Gast. «Warum bewahre ich?», fragt Digna Sinke in Keeping & Saving or How to Live (2018) und meint damit nicht nur ihre in diesem Film thematisierte Lust am Aufheben alter Gegenstände, sondern auch das Filmen an sich. Als sinnsuchende Melancholikerin im besten Sinne interessiert sich die niederländische Filmemacherin für das, was im Vergehen der Zeit verloren geht, und zugleich für das, was aus der Vergangenheit im Jetzt aufleuchtet. Sie ist eine Sammlerin, eine Bewahrerin im Zeitalter der Vergänglichkeit. Ihre Filme beginnen oftmals dort, wo die Kamera vor einer Welt steht, die sich unwiderruflich verändert. Das Bild einer schmalen Strasse, die bald überflutet wird. Das Bild eines geliebten Menschen, der nicht mehr da ist. Das Bild eines Begehrens, das entsteht und verpufft.

Sinnlichkeit der Erinnerung

Egal ob es sich um den digitalen Einfall in die Wirklichkeit in Keeping & Saving or How to Live, die Renaturierung der Insel Tiengemeten in Wistful Wilderness (2010) oder das Verschwinden eines Menschen in After the Tone (2014) geht, Sinke zeigt, dass die grossen Prozesse der Gegenwart vor allem deshalb bedeutend sind, weil sie die Menschen direkt betreffen. So stehen die Bewohner:innen von Tiengemeten etwas schüchtern und verloren vor ihren Häusern, die sie bald räumen müssen. Sie schauen in die Kamera und wissen genau, dass diese Aufnahmen einmal von ihrer Existenz an diesem Ort zeugen werden, selbst wenn keine anderen Spuren mehr bleiben. Ihre Erinnerungen sind an Orte oder Gegenstände geknüpft. Was passiert, wenn diese Orte und Gegenstände verschwinden? Sinke stellt sich keineswegs gegen gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen, vielmehr beleuchtet sie das, was zwischen zwei Zeitrechnungen abläuft. Ihre Filme tragen Gewicht, aber sie sind von einer Leichtigkeit beseelt, die aus der Spontanität menschlicher Begegnungen entsteht. Der scheinbar banalen Erinnerung an eine seltsam verbogene Gabel wird genauso viel Bedeutung geschenkt wie dem philosophischen Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit. Mehr noch sind diese beiden Dinge miteinander verknüpft. Statt einer politischen Agenda prägt die Zeit selbst die Filme, die vom Material der Welt handeln, den Dingen, die wir berühren können: Eine Szene, in der Sinkes Mutter in Keeping & Saving or How to Live ein Kinderbügeleisen hält, mit dem diese mit fünf Jahren gespielt hat, erzählt genauso viel von dieser Hinwendung an die Sinnlichkeit der Erinnerung wie der Wind, der unablässig durch die Blätter streift und dabei eine flüchtige Bewegung festhält.

Ein Spiegel vor der Kamera

Insbesondere in ihrem Key to Heaven (2025), der sich unter anderem mit den Veränderungen im Hafen von Amsterdam im Zuge der Energiewende beschäftigt, verwischt Sinke die Grenzen zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen. Sie sind nicht wichtig, wenn das, was in der sogenannten Wirklichkeit vor sich geht, weder wirklich begriffen noch gefilmt werden kann. Wiederholt hinterfragen die Filme vor allem in ihren vielschichtigen Voice-over-Narrationen die Möglichkeiten des Kinos. Sinke sucht nach Strategien, um den menschlichen Eingriff in ein Gelände oder die Traurigkeit ihrer Protagonisten greifbar zu machen. Wie sichtbar werden lassen, was mindestens Jahrzehnte dauert, ehe es sich zeigt? Wie die unsichtbaren Auswirkungen solcher Veränderungen in Bildern dokumentieren? Wie das Zwischenmenschliche aus der Imagination ins Wirkliche holen? Sinke findet spielerische, beglückende Lösungen, indem sie zum einen den filmischen Prozess selbst miterzählt, wie in Wistful Wilderness, indem sie einige fixe Kameraeinstellungen auf der Insel kommentiert und so eine jahrelange Veränderung vor und hinter der Kamera greifbar macht, zum anderen, indem sie fiktionale Figuren und zusätzliche Erzählerinnen einsetzt, um ihre eigenen Spuren zu verwischen und den eigenen Blick zu hinterfragen. Es sind denkende, sich selbst spiegelnde Filme. Essays im wahrsten Sinne des Wortes. Blicke werden wiederholt. Eine Sache wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das Verschwinden des Architekten Onno in After the Tone beispielsweise führt anhand der Nachrichten, die ihm Freunde und Kollegen über ein Jahr auf der Mailbox hinterlassen, zum Porträt eines Einzelnen in den Augen von vielen. Seine Identität setzt sich aus dem zusammen, was die anderen von ihm wollen, in ihm suchen. Sinkes Filme sind immer solche mosaikartigen Annäherungen, es ist ein Kino der Gleichzeitigkeiten, der Vielstimmigkeiten. Auch deshalb kann Lea, die fiktionale Protagonistin einer nie realisierten Spielfilmidee, die Sinke in Key to Heaven verarbeitet, die «grüne Wende» im Hafen nicht dokumentieren. Ihre eigene Geschichte und andere Entwicklungen durchkreuzen solche Pläne. Leas Fotos und Aufzeichnungen, Sinkes dokumentarische und autobiografische Ansätze, fiktive Interviews, tatsächliche Begegnungen, alles ist Material. Der Film wird zu einem Neo-Noir oder zu einer Liebesgeschichte mit einem Interviewpartner. Das Private lässt sich nicht von den grossen Bewegungen der Welt trennen und vice versa. Das wird auch deshalb klar, weil die Filmemacherin ihre mäandernden Streifzüge wiederholt mit dem Tod ihres «Freunds und Geliebten» René Scholten in Verbindung bringt. Er taucht mehrfach auf und schreibt sich ein in die Erinnerungspfade der Filme. Der Verlust von Welten wird nicht aufgewogen gegen den Verlust eines geliebten Menschen. Vielmehr gibt es beides zugleich, die Bewegungen des Verschwindens verlaufen ineinander, lassen sich nicht mehr voneinander abkapseln. Die Trauer bleibt, aber das Leben geht weiter.

Zärtliche Resilienz

Frei nach Jean-Paul Sartre könnte man auch bemerken, dass das Leben unendlich verkompliziert wird, weil es andere Menschen gibt, die auch alle ihre Gründe haben. Das gilt auch für die auf dem Pieterpad, einem Fernwanderweg in den Niederlanden, irrenden Protagonist:innen in Above the Mountains (1992), wenn sie drohen, in ihren Kippbewegungen zwischen Anziehung und Ablehnung, Zuwendung und Flucht, Freiheit und Angst verloren zu gehen in dieser von Himmel und Licht durchdrungenen niederländischen Landschaft. Sie kehrt immer wieder als eigene Stimme in die Filme ein, sei es durch einen plötzlichen Regenschauer oder die flachen Ebenen mit ihren endlosen Horizonten, an die sich stets Erwartungen knüpfen, die sich schnell in Hoffnungslosigkeit verkehren können. All diese Figuren haben eine Geschichte, das ist ja gerade das Problem, das ist ja gerade das Schöne an ihnen. Die Geduld, mit der Sinke in Keeping & Saving or How to Live den digitalen Nomaden lauscht, um deren Lebensphilosophien zu verstehen, zeigt, dass eine dokumentarische Haltung nichts mit vorgefertigten Ideen zu tun hat, sondern mit Offenheit und Zugewandtheit. Ihre präzise, sich niemals als Autorinnengeste aufdrängende Zärtlichkeit schafft ein leichtfüssiges und bewegendes Bild menschlicher Resilienz im Zeitalter sich auflösender Welten. Manchmal, so ruft es aus diesen Filmen, muss man loslassen, um weiterzugehen. Manchmal aber muss man auch festhalten. Ein rares Glück, wenn eine Filmemacherin beides beherrscht.
Patrick Holzapfel

Patrick Holzapfel arbeitet als Autor, Filmemacher und freier Kurator. Im Juni 2024 erschien sein Debütroman «Hermelin auf Bänken» bei den Rohstoffen von Matthes & Seitz. Er ist Herausgeber und Chefredaktor von «Jugend ohne Film» und setzt sich dort für literarische Filmkritik ein.