Edward Yang: Im Angesicht der Gegenwart
Yi Yi machte Edward Yang im Jahr 2000 auf einen Schlag weltberühmt: Ausgezeichnet am Festival von Cannes, war er anschliessend ein enormer Erfolg auf der ganzen Welt. Sein Werk über eine Familie in Taiwan war ein Ereignis, ein Film, der bis heute nicht zuletzt für seine berührend-epische Erzählweise verehrt und innig geliebt wird. Edward Yang war neben Hou Hsiao-hsien der Kopf des Taiwan New Cinema, das seit den frühen 1980er-Jahren zu den aufregendsten Kinematografien Asiens gehörte. Seine Filme sind intime Chroniken vor dem Hintergrund historischer Ereignisse, vereinen burleske Komödie und kritische Reflexion über Auswüchse des Turbokapitalismus. Und stets im Fokus von Edward Yangs Kamera: Taipeh, die pulsierende Metropole, der er in Filmen wie Taipei Story, Mahjong, A Brighter Summer Day und natürlich Yi Yi ein filmisches Denkmal setzte. Dank der kürzlichen Restaurierung von seinen bisher weniger bekannten Filmen ist Yangs Werk nun wieder vollständig zugänglich und lädt zur (Wieder-)Entdeckung eines der einflussreichsten Filmemacher Asiens ein.
Als zentraler Vertreter des Taiwan New Cinema hat Edward Yang in seinen Filmen die sich wandelnden gesellschaftlichen Strukturen Taiwans am Ende des 20. Jahrhunderts kartografiert. Dabei stellt Yang immer wieder komplexe Figurenkonstellationen ins Zentrum, an denen sich die sozialen Neuordnungen eines Landes ablesen lassen, das sich, aus einer jahrzehntelangen Diktatur kommend, in eine zunehmend beschleunigte Modernisierung geworfen sieht. In präzise komponierten Bildern zeigt der Filmemacher Menschen vor der Grossstadtkulisse Taipehs, an deren Schicksalen sich Fragen zum Umgang mit neu errungener Freiheit, zu familiärer Zusammengehörigkeit sowie zum Verhältnis zwischen Tradition und Moderne abzeichnen.
Edward Yangs Blick auf die taiwanische Gesellschaft ist zum einen von der genauen Kenntnis geprägt, die das Aufwachsen in dem Land mit sich brachte, in das er im Alter von 2 Jahren mit seinen Eltern infolge des chinesischen Bürgerkriegs 1949 aus Shanghai geflohen war, zum anderen durch die geschärfte Perspektive desjenigen, der – aus dem Ausland zurückgekehrt – auf ein sich rapide veränderndes Land schaut. Trotz eines frühen Interesses am Kino hatte Yang zuerst Ingenieurswissenschaften studiert und war anschliessend nach Florida gegangen, um sich dort für Elektrotechnik und Informatik einzuschreiben. Nach dem Abschluss des Studiums zog es ihn an die renommierte Filmschule der University of Southern California, die er jedoch nach nur einem Semester abbrach, in der Überzeugung, nicht das nötige Talent zu haben. Er arbeitete daraufhin in einem Technologielabor in Seattle, wo er einige Jahre später in einem örtlichen Programmkino Werner Herzogs Aguirre, der Zorn Gottes (1972) sah. Dies war ein von Yang als cinephiles Erweckungserlebnis beschriebener Moment, der ihn schliesslich veranlasste, sich doch wieder dem Kino zu widmen und nach Taipeh zu ziehen, wo er Teil einer neuen Generation von Filmemacher:innen wurde, zu deren herausragendem Vertreter er zusammen mit Hou Hsiao-hsien wurde.
Beginn des Taiwan New Cinema
Der 1981 veröffentlichte Omnibusfilm In Our Time, mit Edward Yangs Beitrag Expectations über ein junges Mädchen, das sich in den Untermieter ihrer Familie verliebt, gilt heute als Geburtsstunde des Taiwan New Cinema. Diese filmische Erneuerungsbewegung, deren Zentrum anfangs Yangs Wohnung in der Tsinan Road in Taipeh darstellte, wo sich die Filmemacher trafen, führte – sich von klassischen Wuxia-Epen und konservativen Wertvorstellungen abkehrend – einen neuen Realismus in das taiwanische Kino ein. So wurden erstmals ungeschönte, lebensnahe Alltagsbetrachtungen und genaue Studien der taiwanischen Geschichte, Gegenwart und Sozialstruktur möglich. Während die Volksrepublik China seit ihrer Gründung durch aggressive Modernisierungskampagnen geprägt war, kam Taiwan unter der diktatorischen Kuomintang-Regierung eine Rolle als Bewahrer chinesischer Traditionen zu, und es war weiterhin von patriarchalen konfuzianischen Wertvorstellungen geprägt. Mit dem Tod von Chiang Kai-shek im Jahr 1975 begann ein langsamer Demokratisierungs- und Modernisierungsprozess, bis im Jahr 1993 die ersten freien Wahlen stattfanden, während zugleich die Grundlagen dafür gelegt wurden, Taiwan zu einem asiatischen «Tigerstaat» zu machen, der bis heute eine Ausnahmestellung in der Entwicklung von Technologien innehat.
Panoramen von Seelen- und Stadtlandschaften
Die Filme von Edward Yang zeigen diese Liberalisierung der taiwanischen Gesellschaft, beleuchten dabei jedoch auch kritisch die Auswirkungen der kapitalistischen Lebenswelten auf seine Figuren. Es sind zwischen kühler Analyse und beissender Satire alternierende Visionen menschlichen Handelns und Porträts eines Landes, das sich wie Yangs Protagonist:innen im Prozess einer Neudefinierung befindet. Dabei werden die Verhältnisse zwischen dem Möglichkeitsraum individueller Selbstbestimmung und dem Verortetsein in festen Beziehungsgefügen immer wieder neu verhandelt, wobei die Figuren Wandlungen unterworfen sind, die ausserhalb ihrer Kontrolle liegen. Eine Hauptrolle spielt dabei immer auch die Grossstadt Taipeh, die schon in Yangs frühem Fernsehfilm Floating Weeds (1981) als Sehnsuchtsort mit Schattenseiten fungierte und immer wieder die Kluft darstellt, in welche die Figuren zwischen erhofftem Ausbruch und einsetzender Entfremdung fallen. Die Kälte, die dem Filmemacher verschiedentlich vorgeworfen wurde, ist keinem Zynismus geschuldet, sondern Ausdruck einer Herangehensweise, die mithilfe eines genauen Blicks die glatten Fassaden der Hochhäuser und die verspiegelten Sonnenbrillen seiner Protagonist:innen zu durchdringen versucht, um so deren innere Vorgänge freizulegen. Erzählerisch arbeitet Yang mit Andeutungen, Leerstellen und multiperspektivischen Herangehensweisen, die Panoramen von Seelen- und Stadtlandschaften entwickeln, in denen die Protagonist:innen gleichbedeutend nebeneinanderstehen. Während dies in seinem ersten Kinofilm Taipei Story (1985) noch auf ein Paar fokussiert ist, erweitert schon der darauffolgende The Terrorizers (1986) das Figurenensemble auf ein vielschichtiges Geflecht, dessen Verbindungslinien nach und nach freigelegt werden.
Die Komplexität der erzählerischen Konstruktionen, die seinen Filmen wiederholt die Zuschreibung des «Romanhaften» eingebracht hat, zieht sich dann auch durch Edward Yangs weiteres Werk: von der epischen Erforschung der Jugendkultur und der Bandengewalt im Taiwan der 1950er– und 1960er-Jahre in A Brighter Summer Day (1991), dem einzigen Historienfilm des Regisseurs, bis zu seinem zärtlichen Familiendrama Yi Yi (2000), das sein letzter Film und mit dem Gewinn des Regiepreises in Cannes auch Höhepunkt von Yangs Karriere werden sollte.
Komödiantische Tonlagen
Nach einer langen Phase, in der die Rechtslage seiner beiden zwischen diesen Meilensteinen entstandenen Filme unklar war, konnten auch A Confucian Confusion (1994) und Mahjong (1996) in den letzten Jahren restauriert werden und sind nun endlich wieder zugänglich. Die Filme scheinen in ihrer komödiantischeren Tonlage auf den ersten Blick ungewöhnlich für Yangs Werk, führen aber dessen Untersuchung der taiwanischen Gesellschaft mit anderen ästhetischen Mitteln fort. Während ersterer die sich mit den wirtschaftlichen Verhältnissen zugleich wandelnden Liebesbeziehungen einer Gruppe erfolgreicher wie neurotischer Taiwaner:innen kritisch durchleuchtet, ist Mahjong eine wütende Satire, in der Taipeh als Drehscheibe von illegalen Machenschaften und globalisierten Geschäftsinteressen fungiert. In dieser Gesamtschau zeigen sich die formalen Linien, die Edward Yangs Werk ausmachen und mit seinen Vorläufern im europäischen Autorenkino Mitte des 20. Jahrhunderts verbinden – so ist der Einfluss Michelangelo Antonionis besonders auf die frühen Filme deutlich zu erkennen. Zum anderen ist aber auch Yang selbst ein wichtiger Bezugspunkt jüngerer Filmemacher:innen wie Jia Zhang-ke, und so sind die Ausläufer der Taiwan-New-Cinema-Welle, die Yang ab den 1980er-Jahren mit angeschoben hat, bis heute sichtbar. Seine Filme bilden dabei die spezifisch taiwanische Erfahrung und die Modernisierung einer Gesellschaft ab, die vor dem Hintergrund der virulenten Übernahmedrohung durch die Volksrepublik China aktuell wieder auf dem Spiel stehen. Nicht zuletzt zeigt sich in diesen Filmen ein Regisseur, der mit seinen kompromisslosen narrativen und ästhetischen Strategien ein solitäres Werk geschaffen hat, in dem Taipeh die Leinwand darstellt, auf der sich seine vielschichtigen filmischen Erzählungen abzeichnen.
Jendrik Walendy
Jendrik Walendy ist Filmwissenschaftler und -kurator aus Berlin, wo er 2024 die Edward-Yang-Retrospektive im Zeughauskino verantwortet hat.