Raoul Peck: Wahrheit und Widerstand
Raoul Peck ist zurück: Mit seinem neuen Dokumentarfilm Orwell: 2 + 2 = 5 richtet der haitianisch-französische Filmemacher seinen unbestechlichen Blick auf manipulierte Wahrheiten, missbrauchte Sprache, den Kampf um Erinnerung und schafft damit ein Œuvre von dringlicher Aktualität. In rund 20 Werken hat Peck ein eigenes Kino entwickelt, eines, das Film mit grosser Selbstverständlichkeit aus einer Schwarzen, postkolonialen Erfahrung neu denkt, kontinentübergreifend und unter vielfachen Referenzen auf seinen persönlichen theoretischen Kanon von James Baldwin, Karl Marx bis zu Patrice Lumumba. Die Retrospektive zeigt einen Filmemacher, der Geschichte nicht als abgeschlossen begreift, sondern als offene, umkämpfte Erzählung. Je nach Thema nähert Peck sich ihr in Form von essayistischen Dokumentarfilmen oder gross angelegten Spielfilmprojekten – und manchmal, wie beim verheerenden Erdbeben in Haiti von 2011 oder beim Mord am kongolesischen Ministerpräsidenten Lumumba, auch mit beiden Herangehensweisen. Politik ist in diesem Kino keine Option, sondern Notwendigkeit, um die Gegenwart zu verstehen und herauszufordern. Pecks Filme treten einem mit Selbstbewusstsein entgegen, wissen um ihre analytische Kraft, ihre ästhetischen Qualitäten wie auch um ihre Poesie und laden gerade so ein zum Nachdenken und zum Austausch über die Wirklichkeiten der Welt.
Vom britischen Imperialismus über das deutsche Morden in der Sowjetunion, die offensichtlichen Lügen über Massenvernichtungswaffen, mit denen die US-Politik 2002 den Krieg gegen den Irak rechtfertigte, die Massaker an den Rohingya in Myanmar bis zu Putins endloser Abfolge von Kriegsverbrechen im Rahmen seines Kriegs gegen die Ukraine: Orwell: 2 + 2 = 5 ist wortwörtlich weltumspannend. Ausgehend von Biografie und Werk George Orwells überlagert Raoul Peck globale Strukturen der Unterdrückung und des Mordens und macht Gemeinsamkeiten, gerade auch solche in der Sprache, sichtbar. Nach etwa einem Drittel zeigt der Film eine Animation, die auflistet, welches Buch von welchem Autor wann in welchem Land aus welchem vorgeschobenen Grund verboten wurde. Raoul Pecks neuster Dokumentarfilm, den das Filmpodium als Deutschschweizer Kinopremiere zeigt, ist ein Film über die Kraft des Wortes, seine Verführungskraft, aber auch über seine aufklärerischen Möglichkeiten, um Systeme der Unterdrückung zu verstehen. Orwell: 2 + 2 = 5 ist in gleich mehrfacher Hinsicht das Gegenstück zum Vorgängerfilm Ernest Cole: Lost and Found. So wie Raoul Pecks Film über den südafrikanischen Fotografen Ernest Cole in dessen Fotografien Unterdrückungsmechanismen in Südafrika und den USA unübersehbar macht, unternimmt sein Film über Orwell einen globalen Vergleich verbaler Herrschaftstechniken. Cole gelang es als einem der Ersten, das Apartheidsregime in Südafrika in seinen Fotografien zu entlarven. Nach seiner Flucht in die USA ging er dort zugrunde, doch nicht ohne auf seinem Weg noch eine Vielzahl überragender Fotos zu hinterlassen, die das Leben in den USA einfangen: lebensfroh, analytisch und ohne Scheu vor Härte: «In South Africa I was afraid to be arrested, in the United States I was afraid to be killed.»
Historische Rückgriffe in die Gegenwart
Im Kino der Gegenwart ist Raoul Peck einer jener wenigen Filmemacher, die ein Werk von globaler Relevanz geschaffen haben. Seine bislang gut 20 Filme umspannen Europa, Afrika und die USA in wechselnden Konstellationen und legen – oft historisch gebrochen – den Finger in die Wunden, die die Zeitgeschichte in der Gegenwart hinterlassen hat. Seit Pecks Essayfilm I Am Not Your Negro 2016 auf dem Filmfestival in Toronto Premiere feierte, kommt niemand, der sich für politisches Kino interessiert, an ihm vorbei. Seine dokumentarischen Essays greifen ausgehend von den Verwerfungen der Gegenwart zurück auf historische Figuren und Ereignisse und machen so das Fortwirken von Strukturen wie die verbalen imperialen Unterdrückungsmechanismen aus Orwell: 2 + 2 = 5 oder dem Rassismus aus Ernest Cole: Lost and Found unübersehbar. Geschichte ist in den Filmen Pecks immer auch Vorgeschichte der Gegenwart, die Auswahl der Rückblicke Gegengeschichte und Intervention in die Gegenwart zugleich.
Geboren wurde Peck 1953 in Port-au-Prince auf Haiti. Als Kind zog er mit seiner Familie in die Demokratische Republik Kongo, kurz nachdem das zentralafrikanische Land seine Unabhängigkeit von Belgien erkämpft hatte. Anschliessend studierte Peck in den USA, Frankreich und in Ostberlin (Abschluss 1980 als Wirtschaftsingenieur), bevor er 1982 sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (West) (dffb) aufnahm. In seinem Abschlussfilm Haitian Corner von 1987 greift Raoul Peck ein Lebensthema erstmals filmisch auf: die politischen Verhältnisse in Haiti. Der Film zeigt eine Gruppe von Haitianer:innen im Exil in New York. Der Schriftsteller Joseph Bossuet (Patrick Rameau) schlägt sich als Fabrikarbeiter durch, als ihn seine Vergangenheit einholt und er seinen ehemaligen Folterer aus dem Gefängnis in Haiti wiedererkennt. Peck rückt in seinem Film, der ein Jahr nachdem der haitianische Langzeitdiktator Jean-Claude Duvalier ins französische Exil vertrieben worden war, entstand, einen Mann ins Zentrum, dessen Vergangenheit ihn daran hindert, ein Leben in der Gegenwart zu führen. Haitian Corner beginnt mit Aussagen ehemaliger Gefangener aus Haiti, Rückblenden in die Zeit Bossuets in Haiti dringen wiederholt an die Oberfläche, unterbrechen den Fluss der Erzählung im Exil. Im Februar 1988 läuft Pecks erster Langfilm im Internationalen Forum des Jungen Films im Rahmen der Berlinale. Es ist der erste Film, den Peck mit seiner Firma Velvet Films produziert, die heute ihren Sitz in Frankreich und den USA hat.
Haiti
Lumumba: La mort du prophète, entstanden 1990, drei Jahre nach dem Abschlussfilm, arbeitet die Bedeutung Patrice Lumumbas für die Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo heraus. Lumumba ist ein erstes grosses Meisterwerk des Filmessays im Œuvre Pecks, in dem der Sinn des Regisseurs für Bilder und ihre gesellschaftliche Bedeutung unübersehbar ist. Fast zwei Minuten verbringt der Film allein damit, ein Foto von Lumumba während einer Pressekonferenz zu analysieren. In Dokumenten und Reflexionen arbeitet Peck den Werdegang und das Nachwirken von Lumumba heraus, der für gerade einmal zwei Monate erster Premierminister nach der Unabhängigkeit war, bevor er unter Mitwirkung des kollektiven Westens ermordet wurde. Dennoch entzieht sich Pecks Film einer dualistischen Gegenüberstellung kolonialer Niedertracht mit dem Kampf um Befreiung. Jenseits der systemischen Konfrontation wird Geschichte, werden Lebenswege auch von individuellen Entscheidungen geprägt. Lumumba ist davon durchdrungen, Geschichte transnational zu erzählen, ein Grossteil der Aufnahmen entstand in Belgien. Pecks Reflexionen, die über diesen Bildern auf der Tonspur liegen, die Spannung zwischen Bild und Ton, die Unberührtheit des belgischen Alltags im Angesicht der Unfassbarkeit der kolonialen Verbrechen machen einen erheblichen Teil der politischen Kraft des Films aus.
In den folgenden Jahren entstehen kurz hintereinander weitere Filme, in denen sich Peck mit Haiti auseinandersetzt. 1993 ist Peck mit L’homme sur les quais erstmals in den Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes eingeladen. Im Jahr 2000 feiert sein Spielfilm Lumumba in Cannes, in der Quinzaine des réalisateurs, Premiere. Zwischen Letzterem und den beiden Vorgängern liegt Pecks Zeit als Kulturminister Haitis während der Präsidentschaft René Prévals.
Die zwei Filme, die Raoul Peck Patrice Lumumba gewidmet hat, zeugen von dem Bewusstsein des Regisseurs für die Regeln des globalen Filmmarktes und dafür, wie sich dieser strategisch nutzen lässt. In Zeiten, in denen grosse Festivals nur in Ausnahmefällen Dokumentarfilme in den Wettbewerb nahmen, war auch bei Pecks dokumentarischen Arbeiten von Beginn an klar, dass sie nur ein begrenztes Publikum erreichen würden. Um dazu beizutragen, eine Figur wie Lumumba dauerhaft in der globalen Erinnerung zu verankern, brauchte es einen Spielfilm.
Mit Baldwin zum Durchbruch
Im September 2016, drei Jahre nachdem in Reaktion auf den Tod von Trayvon Martin, Michael Brown, Eric Garner und Rekia Boyd der Slogan «Black Lives Matter» Berühmtheit erlangt hatte und zwei Monate bevor mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten das Land von einer neuen Welle des Rassismus erfasst worden war, feierte Raoul Pecks Essayfilm I Am Not Your Negro auf dem Filmfestival in Toronto Premiere. Pecks Film nimmt Baldwin und dessen intellektuelle Interventionen allgemein und konkret ein unvollendetes Essay des Schriftstellers, in dem dieser entlang der Morde an Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. sein Amerika-Bild skizziert, als Ausgangspunkt eines Essays über die Gegenwart in den USA.
Das vielleicht Eindrucksvollste an I Am Not Your Negro ist, dass es kein Film ist, der sich von seiner Aktualität treiben lässt. Stattdessen ist er Ausdruck einer gründlichen Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, inmitten von Ereignissen, die Baldwins Blick auf Amerika neuerliche Relevanz verleihen. Über die analytische und emotionale Kraft des Films hinaus wird hier eine Qualität des Kinos von Raoul Peck sichtbar: in die Gegenwart zu intervenieren, ohne an den konkreten Zeitpunkt der Entstehung gefesselt zu sein.
Pecks Kino ist seit unterdessen mehr als 40 Jahren unerschütterlich klug, politisch und lehrreich, beständig anarbeitend gegen die Beharrungskraft der Ideologien des Rassismus und eines enthemmten Kapitalismus, ohne je in Verkürzungen zu verfallen. Doch erst seit I Am Not Your Negro bekommt Peck jene Aufmerksamkeit, die seine Filme schon immer verdient hatten – und die ein in Europa oder den USA geborener Filmemacher vermutlich schon früher bekommen hätte. Das Kino Raoul Pecks hört nicht auf, uns zu lehren, die Gegenwart mit anderen Augen zu sehen, vor allem aber: sie besser zu verstehen. Pecks filmisches Werk ist eines der grössten Geschenke, die die siebte Kunst dieser Welt bislang gemacht hat.
Fabian Tietke
Fabian Tietke ist Filmkritiker und Programmgestalter in Berlin.