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Simply Streep!

Meryl Streep ist Modell und Gegenentwurf in einem. Eine Frau, die seit einem halben Jahrhundert an der Spitze Hollywoods strahlt und noch lange nicht ans Aufhören denkt; eine Frau, die sich dem Druck der schnelllebigen, oberflächlichen Filmindustrie nie gebeugt hat, sondern Integrität stets an erste Stelle stellte. Meryl Streep, so schlagfertig wie anmutig, so anspruchsvoll wie bodenständig, setzte im Lauf ihrer Karriere ihre eigenen Standards und liess sich weder in Genres oder Rollenfächer noch in einen Prominenten-Stereotyp zwängen. Immer wieder brach sie Erwartungen, liess Komödien auf Melodramen folgen, wählte Literaturadaptionen und Biopics mit Bedacht und Intention. Meryl Streep zog es dabei stets zu eigenständigen, komplexen und rätselhaften Frauenfiguren. Ob scheinbar herzlose Mutter, eiskalte Karrierefrau oder kämpferische Whistleblowerin – in einem Blick, in einer präzis gesetzten Geste fasst Streep den ganzen Facettenreichtum ihrer Figuren zusammen und enthüllt Stärke und Verletzlichkeit als zwei Seiten einer Medaille. In unserer Retrospektive begleiten wir die Ausnahmeschauspielerin von ihrem Durchbruch 1978 in The Deer Hunter bis zu ihrem gefeierten Comeback als Miranda Priestly im in diesem Frühling erschienenen The Devil Wears Prada 2. Man muss über die Frisur hinwegsehen: Meryl Streep im überakkuraten Pagenschnitt; das dichte, dunkle Haar aalglatt gekämmt. Aber um Äusserlichkeiten geht es in diesem Fall nicht. Sondern vielmehr um die Frage, ob die Frau, die sie in Fred Schepisis True-Crime-Drama A Cry in the Dark (1988) spielt, tatsächlich eine Mörderin ist. Lindy Chamberlain soll 1980 im Outback ihrem neun Monate alten Baby das Leben genommen haben. Sie selbst und ihr Mann behaupten fest, ihre kleine Tochter sei während des Campingurlaubs nachts von einem Dingo aus dem Zelt der Familie entführt worden. Die Geschichte ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Böswillige Gerüchte verflechten sich rasch und verzerren die Wirklichkeit. Lindys scheinbar grösstes Vergehen: Der Öffentlichkeit leidet die Mutter nicht angemessen und intensiv genug. Streep fasziniert in der Rolle jener kämpferischen Australierin, der nach zwei Jahren voller Schikanen, Spekulationen und Ermittlungen schliesslich vor Gericht der Prozess gemacht wird. Es ist eine starke Vorstellung von der dreifachen Oscargewinnerin, konsequent unsympathisch, beherrscht und authentisch. Die Schauspielerin buhlt nicht um Anteilnahme oder Zuspruch vom Publikum. Mit jedem Wort, jedem bitteren Blick kämpft sie für die Würde und Integrität ihrer Protagonistin. Allein darauf konzentriert sich ihre gesamte darstellerische Strahlkraft. Nicht allzu oft sieht man Streep in Rollen wie dieser. Bei der Wahl ihrer Figuren, so scheint es auf den ersten Blick, neigt «America’s greatest living actress» traditionell eher zu Komödien, Romanzen oder gross angelegten Dramen, Unterhaltungsfilmen eben, die sie oftmals durch ihre Präsenz und ein unschlagbar präzises Timing für spitze Pointen aus der Gefahr der Mittelmässigkeit hebt. Schaut man jedoch etwas genauer hin, fällt auf, dass die 1949 geborene Tochter eines Pharma-Managers und einer Grafikerin schon immer mehr sein wollte als lediglich ein verlässlicher Teil des gepflegten Hollywood-Mobiliars. Es ist die fein nuancierte Charakterdarstellerin in ihr, die seit dem Beginn ihrer Karriere in einer eigenen Liga spielt. Eindringlich, furchtlos und mit einem edelherben Charme, der Haltung und Verletzlichkeit vereint.

Kämpferin gegen das Unrecht

Famos gespiegelt wird Streeps enorm hoher Anspruch an sich selbst in ihrem vielleicht legendärsten Auftritt als garstige Chefredaktorin Miranda Priestly in David Frankels The Devil Wears Prada (2006), der Kult-Satire über die High-End-Modewelt. Aber ihren mit Abstand waghalsigsten Auftritt hat sie unter der Regie von Curtis Hanson, der 1994 mit The River Wild einen packenden Thriller drehte – mit Streep als Actionheldin, wann hat man das schon mal gesehen? In Streeps Werk bleibt die Rolle der Gail Hartman eine faszinierende Ausnahme: Als erfahrene Rafting-Führerin muss sich ihre Figur im Film gegenüber Kevin Bacons fischigem Gangster behaupten, der sie und ihre Familie während eines Wildwasser-Urlaubs in Montana als Geiseln nimmt. Die Schauspielerin liess es sich nicht nehmen, die Actionszenen fast ausschliesslich selbst zu drehen. Sie trainierte vier Monate lang hart für den Part, wäre bei den Dreharbeiten einmal fast im eiskalten Wasser ertrunken und wirkte anschliessend selbst überrascht von ihrer eigenen Courage. «Ich war jeden Tag am Set besorgt um meine Sicherheit», gestand sie verlegen lächelnd in einem TV-Interview. «Angst und Adrenalin waren meine Motivation. Es ging um ein ständiges Ausloten der Grenzen, an die mich meine Anstrengung trieb.» Der Respekt und die Würde, mit der sie ihrer ungewollten Heldin begegnet, nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Unvertrautheit mit dem Genre, verleihen ihrer Darstellung zusätzlich Integrität und eine inhärente Glaubwürdigkeit. Das Rebellische, ihre Unerschrockenheit und ein gewisses Mass an Sturheit, ob im Kampf gegen die Wirklichkeit, das Unrecht oder die Männer, ziehen sich wie ein roter Faden durch Streeps charakterstarke Rollen. Dazu gehört auch die Chemietechnikerin Karen in Mike Nichols’ Silkwood (1983). Mit dem Unterschied, dass ihr Eigensinn einer pflichtbewussten Angestellten in einer Plutonium-Aufbereitungsanlage sie schliesslich in grosse Gefahr bringt – und zwar just in dem Moment, als sie ihre Recherchen über unlautere Praktiken in der Fabrik an die Presse weitergeben will. Um einiges erfolgreicher agiert dagegen die zielstrebige, wenn auch häuslich überforderte junge Mutter in Robert Bentons Scheidungsdrama Kramer vs. Kramer (1979), die sich im Duell mit Dustin Hoffmans verlassenem Ehemann das Sorgerecht für ihr Kind zu erstreiten versucht. Streep selbst erspielte sich mit der Rolle ihren ersten Academy Award; drei Jahre später folgte der zweite für ihren Auftritt als vom Krieg gebrochene, polnische Holocaust-Überlebende in Sophie’s Choice (1982).

Spiel gegen den Strich

Man kennt und liebt Streep in diesen gewichtigen, emotional anspruchsvollen Rollen. Aber vielleicht bleiben einem genau deshalb insbesondere jene Figuren in Erinnerung, in denen sie gegen den Strich spielt. Ihre unausstehliche Rabenmutter in John Wells’ Theateradaption August: Osage County (2013) ist das perfekte Beispiel dafür: Zerfressen von Enttäuschung, Bitterkeit und Vereinsamung, liefert sich ihre hoffnungslos tablettensüchtige Matriarchin Violet am voll besetzen Esstisch ein vernichtendes Psychoduell mit ihrer streitsuchenden Tochter Barb (Julia Roberts). Ähnlich wie in A Cry in the Dark brilliert Streep erneut unter einer schlechten Perücke, nur diesmal unfrisiert und leicht ergraut. Vorwürfe, Gemeinheiten und wohlgehütete Geheimnisse werden anstatt des Auflaufs serviert, der im Laufe des Abends demonstrativ auf den Boden knallt. Auf Versöhnung wartet man in diesem ungeglätteten, düsteren Familiendrama vergeblich. Streep kann eben immer auch anders: giftig, brutal und gegen alle. Vielleicht lässt sich Streeps Entscheidung, 2018 die Rolle der Zeitungsverlegerin Katharine Graham in The Post anzunehmen, in diesem Sinne als eine natürliche Weiterentwicklung ihrer sich stets gegen Ungerechtigkeiten aufbäumenden Haltung verstehen. Steven Spielbergs unverhohlen liberales Drama, in dem ein republikanischer Richard Nixon nach Veröffentlichung der berüchtigten Pentagon-Papiere in der «Washington Post» den Krieg gegen die rechtschaffenen Medien erklärt, zeigt den amerikanischen Präsidenten nie vor der Kamera. Seine bewusste Abwesenheit verleitet umso mehr zum Vergleich mit der Gegenwart. Und Streep wirkt als Graham noch einen Zahn schärfer, wenn man sich beim Blick auf die Leinwand daran erinnert, dass sich die Schauspielerin schon während Donald Trumps erster Amtszeit 2017 indirekt einen Schlagabtausch auf öffentlicher Bühne mit dem korrupten Staatsmann lieferte. Auch im wahren Leben Kante zu zeigen, stand ihr ausgesprochen gut.

Überraschende Rollenwahl

Im Kino steht Streep immer fast alles: Sie erstrahlt in klassischen Hollywood-Kolonial-Epen wie Sydney Pollacks Out of Africa (1985), überzeugt als suizidale Schauspielerin (Postcards from the Edge, 1990) und wird unsterblich in der absurd-wilden, voller schlüpfriger Anspielungen und Klischees steckenden Fantasy-Komödie Death Becomes Her (1992). Selbst vor drogenabhängigen Reporterinnen in metafiktionalen Fiktionen (Adaptation, 2002) sowie einer katholischen Schwesterntracht (Doubt, 2009) macht sie nicht halt. Auffällig dabei ist, wie aus dem nicht immer perfekten Material stets etwas Besonderes entsteht, etwa in The Bridges of Madison County (1995) von und mit Clint Eastwood in der männlichen Hauptrolle. Darin trifft ein Fotograf, der für «National Geographic» nach Iowa fährt, auf Streeps vernachlässigte Hausfrau. Die zarte Romanze, die sich aus der Begegnung entspinnt, wirkt um so fragiler, weil Eastwood sich hier ausnahmsweise von seiner sanften Seite zeigt. Und Streep versteht, die seltene Gelegenheit zu nutzen. Eigenwillig, aber nicht eigensinnig zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich, auf ihre Schönheit ebenso wie auf die Unvollkommenheit, die in ihrer Figur gleichermassen zum Vorschein kommt. Es sind die inneren Kämpfe der Frauen, die sie spielt, an denen Streep sich reibt. Von ihrem eigenen Privatleben weiss man wenig. Mit ihrem Mann, dem Bildhauer Don Gummer, hat sie vier Töchter, zwei davon sind ihr ins Filmgeschäft gefolgt. Die kleinen und grossen Dramen lebt die Ausnahmeschauspielerin jedoch ausschliesslich auf der Leinwand aus. Demnächst wird sie unter der Regie von Cameron Crowe die kanadische Musikikone Joni Mitchell verkörpern. Wieder eine Frau von Format, mit Eigensinn und Eleganz, wie Meryl Streep selbst.
Pamela Jahn

Pamela Jahn ist freie Autorin und Journalistin u.a. für das ray Filmmagazin, die Neue Zürcher Zeitung und Filmbulletin. Sie lebt in London und ist dort auch als Übersetzerin und Filmkuratorin tätig.