Richard Linklater: Vom Zauber und Schmerz der Zeit
Eigentlich geht es in den Filmen von Richard Linklater immer um Zeit. Die Zeit, die vergeht, und die Erinnerungen, die damit verbunden sind; die Zeit, die begrenzt ist und die es zu verstehen gilt: Was machen wir hier eigentlich, in den wenigen Jahren, die uns beschieden sind, und was macht die Zeit mit uns? Mit Werken wie Boyhood oder der Before-Trilogie hat die US-Independent-Ikone unvergessliche Bilder für diese grossen Fragen gefunden. Leichtfüssig kommen Linklaters Filme daher, ein bisschen verquasselt, und fangen doch präzise, wie etwa in Slacker oder Dazed and Confused, das Lebensgefühl einer Generation ein. Als leidenschaftlicher Cineast und Mitbegründer der Austin Film Society setzt sich Linklater zudem seit Jahrzehnten für Filmkultur, Filmgeschichte und das unabhängige Kino ein. Wir freuen uns daher sehr, im Rahmen der neuen Kooperation zwischen dem ZFF, dem Filmpodium Zürich und der Cinémathèque suisse nicht nur eine gross angelegte Retrospektive seines Schaffens zu präsentieren, sondern mit «Cinema Seen Through the Eyes of … Richard Linklater» auch einen Einblick in jene Werke zu geben, die ihn als Filmemacher geprägt und inspiriert haben. Richard Linklater wird an zwei Abenden im Filmpodium zu Gast sein, den Career Achievement Award des ZFF entgegennehmen und über sein filmisches Universum sprechen.
Ab und zu gibt es Filme, denen es gelingt, eine ganze Generation zu definieren. Slacker von Richard Linklater ist dafür ein herausragendes Beispiel. Schon der Titel hat alles, was es dazu braucht, denn er führt einen Begriff ein, der noch dazu schwer zu übersetzen oder zu umschreiben ist: Ein Slacker ist eben ein Slacker. Der deutsche Verleih entschied sich für Rumtreiber, was aber nur einen Aspekt der Charaktere in diesem äusserst ungewöhnlichen Film trifft: Sie sind viel unterwegs, meistens zu Fuss, und immer lokal. Ihre Welt ist Austin, die damals noch studentisch geprägte Grossstadt, in der Richard Linklater zum Kino fand. Seine Slacker sind auch so etwas wie ewige Student:innen, nirgends eingeschrieben, aber immer auf der Suche nach Wissen. Sie entwickeln Theorien, manchmal auch abstruse, sie halten sich fern vom Mainstream, lieber tauschen sie sich untereinander aus. Und so sieht der Film Slacker denn auch aus: Menschen, die durch Austin latschen und reden. Gedreht mit kleinem Budget, wurde dieses Paradebeispiel für einen Independentfilm zu einer Eintrittskarte in das «richtige» Kino. Richard Linklater bekam danach Geld aus der Industrie und drehte Dazed and Confused, in den er viele Erinnerungen an seine Jugend in Huntsville, Texas, einarbeitete – eine Jugend im Zeichen einer Popkultur, die schon deutlich kulturindustriell geprägt ist.
Langzeitstudien
Linklater, Jahrgang 1960, war ein wenig zu spät für die Aufbruchsstimmung der Sixties. Er wurde erwachsen in einer Zeit, in der sich schon das neoliberale Amerika unter Ronald Reagan ankündigte. Und er begann, auf eine originelle Weise nach Unabhängigkeit zu suchen. Seine Filme sind immer auch eine Auseinandersetzung mit der amerikanischen Geschichte seiner Generation und auf eine dezidierte Weise auch eine Gegengeschichte. Auch wenn er später meist konventioneller erzählt hat als in Slacker, bleibt er dem widerspenstigen Geist dieses Films im Kern treu. Heute kennt man Richard Linklater vor allem wegen zweier Langzeitprojekte. 1995 liess er in Wien zwei junge Menschen aufeinandertreffen: Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy) lernen sich im Zug kennen und sind eine Nacht gemeinsam in der Stadt unterwegs. Before Sunrise wurde zum Auftakt einer Trilogie, die zu zwei weiteren Begegnungen derselben Figuren führte, mit demselben Schauspielpaar, das mit Before Sunset und schliesslich mit Before Midnight beinahe zwanzig Jahre älter wurde. Die Zeit als Phänomen und Problem tauchte schon in Slacker auf, sie ist ein Phänomen, das aus der Position des Kinos besonderes Interesse geniesst. Gilles Deleuze sprach vom Zeitbild als einer der wesentlichen Qualitäten grosser Filme. Und Linklater verlieh diesem Interesse schliesslich mit einem Film Ausdruck, an dem er mehr als zehn Jahre arbeitete: Boyhood (2013) erzählt die Geschichte eines Heranwachsens in einer Suggestion von Echtzeit – gedreht wurde mit einem Jungen (Ellar Coltrane spielt Mason), der anfangs sechs Jahre alt war und schliesslich ein Teenager. Eine vergleichbare Erfahrung hat es im Kino nur bei wenigen Langzeitbeobachtungen gegeben (etwa Anja Breiens Wives-Trilogie). Boyhood macht daraus eine zutiefst bewegende Erzählung. Für Linklater ist das Kino in hohem Masse ein Medium, das ihm hilft, sich selbst in der Geschichte zu verorten – in der Geschichte des Kinos, aber auch in der Geschichte seiner Nation. Er ist ein liberaler Amerikaner aus einem konservativen Bundesstaat, geprägt durch den freien Geist von Austin. Auch wenn diese Stadt inzwischen durch Techindustrie und generell durch Gentrifizierung stark verändert ist, hat sie nach wie vor Orte, an denen sich die Kultur behauptet, mit der Linklater sich assoziiert: in erster Linie die Austin Film Society, für deren Gründung er selbst ausschlaggebend war und die als Kinemathek fungiert, aber auch als Produktionsförderung. Immer wieder tauchen in seiner Filmografie Titel auf, mit denen er seine Beziehung zum Kino offenlegt: Me and Orson Welles (2008) erzählt von einem Moment, in dem ein Student ein junges Genie trifft – den Mann, der bald darauf Citizen Kane drehen sollte. Mit dem grossen Ego von Orson Welles hat der umgängliche und von allen Allüren freie Linklater nichts gemeinsam, aber mit der nie versiegenden Neugierde und mit dem Bedürfnis nach Autonomie von Welles sehr wohl. Nouvelle Vague (2025), Linklaters Film über die Entstehung von Jean-Luc Godards bahnbrechendem À bout de souffle (1961), will nicht darauf hinaus, dass es eine direkte Linie von Paris nach Austin geben soll, sondern ist eher eine Hommage an eine Haltung: einen freien Geist zu bewahren, sich auf die eigene Intuition zu verlassen, dem Moment zu vertrauen.
Schule des Kinos
Ab und zu probiert Linklater diese Tugenden auch an dem schwierigsten und grössten aller Genres aus: an der Komödie. Es ist wohl kein Zufall, dass er dabei oft von exzentrischen Individuen her denkt, wie in Bernie (2011), der ganz von der überbordenden Präsenz von Jack Black in der Rolle eines sehr schrägen Bestattungsunternehmers lebt. Black ist auch stark mit einem der grössten Erfolge von Linklater verbunden, mit School of Rock (2003), in dem er einen Nachhilfelehrer spielt, der mit Kindern die Rockmusik neu zu erfinden versucht. Den Titel kann man durchaus wörtlich nehmen: Das Kino und in einem weiteren Sinn die populäre Kultur sind für Linklater eine Schule, und zwar in der Weise, wie es das deutsche Wort Bildungsroman vermittelt. Intellektuelle Bildung, Herzensbildung, Haltungsbildung, das sind Aspekte eines Kinos, mit dem Linklater alle Dimensionen der menschlichen Existenz anspricht – was man nach dem ironisch «verkopften» Slacker noch anders hätte erwarten können. Als Intellektueller zeigte er sich prominent zweimal mit Filmen, die einen eigenen Komplex in seinem Werk ausmachen: Dass er bei Waking Life und A Scanner Darkly mit Animationsbildern arbeitete, hat vielleicht auch etwas mit dem Bedürfnis zu tun, die grossen Fragen in einer Form zu bearbeiten, für die man oft kindliche Zielgruppen sieht. De facto ist das rotoskopische Verfahren, das er dabei verwendet, weit von dem klassischen Zeichentrickfilm entfernt, für den vor allem die Firma von Walt Disney bekannt wurde. Linklaters Animationsfilme beruhen auf Bildern von lebenden Menschen, die gleichsam überzeichnet werden. In Waking Life erzählt er auf diese Weise von einem Slacker des frühen neuen Jahrtausends, der in hochphilosophischen Gesprächen das Motiv durchlebt, dass zwischen Traum und Wachzustand keine sichere Unterscheidung getroffen werden kann. Linklater ist in Waking Life zweimal selbst zu sehen, er gibt entscheidende Hinweise, ist aber zugleich so ephemer, wie es Zufallsbegegnungen nun einmal sind. A Scanner Darkly beruht auf einem Buch von Philip K. Dick, der das Genre der Science-Fiction besonders eindringlich mit Facetten der Bewusstseinsproblematik verbunden hat. Der dritte Animationsfilm von Linklater fügt sich allerdings nicht, wie man vielleicht hätte erwarten können, in eine Theorie-Trilogie, sondern schlägt eher eine Brücke zu seinen autobiografischen, kulturhistorischen Filmen: Apollo 10 ½ ist nicht zuletzt ein Porträt seiner Heimatstadt Houston in der Zeit vor der Erfüllung des Traums von der Mondlandung, mit dem die Sixties unter John F. Kennedy begannen.
Neurotische Nation
Ein Hollywoodregisseur ist Linklater nie wirklich geworden, und vielleicht ist er gerade deswegen ein so eminent amerikanischer Filmemacher. Texas blieb sein primärer Bezugspunkt, danach kommt vor Los Angeles eher noch New York – sein jüngster Erfolg Blue Moon ist nicht zuletzt eine Verneigung vor dem Broadway. Die Vereinigten Staaten haben sich in der bisherigen Lebenszeit von Linklater von einer optimistischen, glücklichen Nation in eine gespaltene, neurotische verwandelt – als Ursache dafür kann man eigentlich nur einen entfesselten Kapitalismus sehen, der alle grossen Erfindungen seit 1990 zu zersetzenden Maschinen werden liess. Hollywood war früher einmal eine Instanz über den politischen Lagern: In den Studiofilmen bis etwa 1960 konnte sich das ganze Amerika vertreten sehen. Richard Linklater ist zu jung für das New Hollywood von Bonnie & Clyde, Easy Rider oder Chinatown. Er kam zum Kino in einer Zeit, in der man neben Blockbustern nur noch wenige Nischen vorfinden konnte – die amerikanischen Komödien waren nach 1995 für eine Weile eine solche Nische. Linklater aber gelingt es, seine eigene Nische zu definieren. Sein Werk ist geprägt von einem unideologischen Humanismus. Er zehrt von den Traditionen, die Amerikas populäre Kultur gross gemacht haben, und schreibt diese Traditionen weiter. Er ist selbst ein Grosser dieser Kultur – und hat dabei weiterhin ein Ohr für Slacker aller Art.
Bert Rebhandel
Bert Rebhandl lebt als freier Journalist, Filmkritiker (FAZ, Der Standard, tipBerlin) und Autor in Berlin. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift CARGO Film Medien Kultur (www.cargo-film.de).