Isabelle Huppert: Perlmutt und Gewitter
Sie ist mutig und furchtlos in ihrer Rollenwahl, sie hat den Akt des Schweigens perfektioniert, und nicht zuletzt zeichnet sie ein feines Gespür für Komik aus: Isabelle Huppert ist ohne Zweifel eine der wichtigsten Schauspielerinnen der Gegenwart. Seit ihrem Leinwanddebüt 1971 trat sie in deutlich über 100 Filmen auf und stand weltweit auf den wichtigsten Theaterbühnen. Und wir, das Publikum, folgen ihr und schenken ihr unser uneingeschränktes Vertrauen. Sie wolle in ihrer Arbeit als Schauspielerin eher ein Fragezeichen bleiben, als zu einer Erklärung zu werden, sagte sie einmal. Eine Haltung, die in ihren Figuren deutlich zutage tritt und die im Zentrum unserer umfassenden Retrospektive steht: von ihrem gefeierten Durchbuch in La dentellière (1977) über die Klassiker Loulou (1980) und La pianiste (2001) bis hin zu Entdeckungen wie La prisonnière de Bordeaux (2024). Als Premiere zeigen wir schliesslich die neue Restaurierung des Films Aloïse (1975) – eines Films, der Isabelle Huppert besonders am Herzen liegt.
Eine Frau, die nicht einfach auf der Leinwand erscheint, sondern eine, die aufzieht wie Wetter, unübersehbar, unüberspürbar. So habe ich Isabelle Huppert wahrgenommen, als ich 2002 den ersten Film mit ihr gesehen habe – 8 femmes, eine Art Krimi-Musical von François Ozon. Sogleich schloss ich die nörgelnde, exaltierte Tante Augustine ins Herz, die dramatisch die Hände verwirft, wenn sie mit Gemeinheiten um sich gewittert, die Mimik meist auf fünf vor Ausflippen, nur die geschürzten Lippen und die hochgezogenen Augenbrauen halten die Entrüstung im Zaun, die sich dann doch immer wieder Bahn bricht in kleinen Wuteruptionen. Und erst als Augustine ihr Solo singt, zeigt sich, was schwelt unter ihrer Wut: die Sehnsucht einer bewölkten Romantikerin, die im Schatten ihrer schönen Schwester steht und sich heimlich nach dem Schwager verzehrt. Ihr Blick ist bei diesem Lied in die Ferne gerichtet, vielleicht in eine fiktive Vergangenheit, und all das Unerlebte scheint ablesbar von ihrem Gesicht, Tränen verwaschen die inneren Bilder und verdünnen den Schmerz.
Diese brüchige und ungefällige Energie, die Huppert ihren Rollen verleiht, macht die Frauen, die sie spielt, für mich oft zu Lieblingsfiguren im jeweiligen Cast. Wenn sie in einem Film mitwirkt, dann weiss ich, dass sie eine Frau darstellen wird, die ich nicht so schnell vergessen werde, auch wenn ich nicht mit allen Drehbüchern einverstanden bin. Wenn ich Isabelle Huppert spielen sehe, muss ich immer auch ein bisschen an die Figuren der Schriftstellerin Irmgard Keun denken. An die ehrgeizige Gilgi oder an Doris in «Das kunstseidene Mädchen», die «ein Glanz» sein möchte, die sehr schlau und sehr lustig und sehr aufmüpfig ist. Irmgard Keuns Frauenfiguren sind zwar immer attraktiv, aber nicht in erster Linie, weil da so viel anderes noch vor der Schönheit wichtig ist: Mut etwa, Lebenshunger und Eigensinn. Das trifft auch auf die meisten von Isabelle Hupperts Rollen zu. Am keunigsten ist dabei wohl Jeanne im Film La cérémonie von Claude Chabrol, in dem sie eine quirlige Postangestellte spielt, die sich mit einem Hausmädchen anfreundet, das soeben neu in den Ort gezogen ist. Wie Kohlensäure prickelt Jeanne durch die Szenen, klebt Kaugummis an die Unterseite des Verkaufstresens, klettert durch Fenster und öffnet Schränke, die sie nichts angehen. Während das Dunkel ihrer Vergangenheit immer wieder aufblitzt in ihren Augen, in den Pausen zwischen ihren Sätzen. Und oft ist es genau das, was mich als Zuschauende in Hupperts Resonanzfeld zieht: das, was ihre Charaktere für sich behalten, das Unausgesprochene, die Geschichten hinter der Geschichte. Die Frauen, die sie spielt, müssen sich fast ausnahmslos in Acht nehmen. Ihr Inneres führt meist ein Eigenleben, das mit der Aussenwelt nicht immer vereinbar ist. Oft müssen sie sich einen Film lang den Weg in die Furchtlosigkeit erkämpfen und in die Unabhängigkeit. Es sind Frauen, die mehr wollen vom Leben und die sich auflehnen gegen die Strukturen, die sie einengen. Leicht verschrobene Frauen auch, die versuchen, es anders zu machen.
Wie keine andere schafft Huppert es, all das Ungesagte durchschimmern zu lassen, in ihrer Mimik, ihrem Gang, der Spannkraft ihres Blicks. Ihr Ausdruck, so kommt es mir vor, hat dabei etwas von Perlmutt: Von Sekunde zu Sekunde verändert sich das Verhältnis zwischen den emotionalen Farben, ohne dass je eine von ihnen ganz verschwindet. Immer scheint die Schauspielerin Zugriff zu haben aufs Untergründige, Ruhelose und Lebensdurstige der Frauen, die sie im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. Mir kommt beispielsweise Nathalie in den Sinn, die gutbürgerlich eingerichtete Philosophielehrerin und Sachbuchautorin aus L’avenir von Mia Hansen-Løve. Unvergessen die Szene am Couchtisch, in der Nathalies Mann ihr eröffnet, dass er sie verlassen wird für eine andere und dass er vorhat, auszuziehen aus der gemeinsamen Wohnung, in der die gut sortierte Bibliothek die einzige verbliebene Gemeinsamkeit zu sein scheint. Kühl und mit fast schon brutaler Sachlichkeit sagt Heinz seine Schlussmach-Sätze auf, nur das Nötigste, das Äquivalent eines Klappentexts. Die Kamera, die Aufmerksamkeit ist jetzt bei Nathalie, liegt auf ihrem Gesicht. Sie sagt erst mal nichts. Sie denkt. Wägt ab. Ihre Augen bewegen sich langsam an inneren Bildern entlang, die sie nicht teilt, die aber dennoch sichtbar werden, in der leichten Verschiebung ihrer Mundwinkel, dem etwas flacheren Atem. Es scheint, als zöge ihre ganze gemeinsame Geschichte an ihr vorbei: erste Dates vielleicht und Spaziergänge im Park, vielleicht die Geburt des ersten Kindes und Pistazieneis in einem bretonischen Strandcafé, das Haus an der Küste, in das sie so viel Liebe gesteckt hat, und ein Streit auf dem Parkplatz eines Supermarktes im Winter, vielleicht eine Liebesbotschaft mit Bleistift in einem der Bücher? Keine Träne, kein Fluchwort, keine fahrige Bewegung, nur dieses Gesicht, das in den emotionalen Abgrund blickt, der sich im Wohnzimmer aufgetan hat. Und dann ist da viel später diese Szene mit ihrem ehemaligen Schüler Fabien, in der Nathalie sagt, die Kinder seien aus dem Haus, der Mann habe sie verlassen, die Mutter sei gestorben, der Verlag habe sie rausgeschmissen und sie habe sich noch nie so frei gefühlt. Vielleicht, denke ich in diesem Filmmoment, war es auch der Ausblick auf diesen Zustand, der zu sehen war in ihrem Gesicht, in der Szene am Couchtisch mit ihrem Mann. Diese Vorahnung auf Selbstbestimmung und Freiheit tief unter der Wut und dem Schock.
Es ist diese Ambiguität zwischen Innen und Aussen, dieses schimmernde, magnetische Sowohl-als-auch, das mich bei Isabelle Huppert immer aufs Neue fasziniert, ihr vielsagendes Schweigen. In La prisonnière de Bordeaux, wo sie Alma spielt, die Frau eines Neurochirurgen, der wegen eines Autounfalls mit Todesfolge und Fahrerflucht im Gefängnis sitzt, schimmert die Huppert’sche Vielschichtigkeit gleich zu Beginn des Films auf. Wir sehen Alma dabei zu, wie sie durch ihr stilles, luxuriös eingerichtetes Stadthaus geht, an Gemälden vorbei, hin und wieder stehen bleibt, als würde sie die Zimmer belauschen, sichtlich beunruhigt und aufgewühlt, gleichzeitig aber auch irgendwie erschöpft. Geistesabwesend beisst sie in der Küche in eines der Törtchen, die sie auf dem Heimweg gekauft hat, und scheint dabei auch auf einer Entscheidung herumzukauen. Erst gegen Ende des Films, als die Szene sich nochmals wiederholt, wird deutlich, was es mit Almas Stimmung auf sich hat. Retrospektiv betrachtet ist Hupperts zerrissene Präsenz zu Beginn noch beeindruckender. Jetzt, wo sich die unausgesprochenen Emotionen abgleichen lassen mit den Erkenntnissen, die für die Zuschauenden hinzugekommen sind. Die sollen hier aber lieber verschwiegen werden, um nichts vorwegzunehmen. Nicht dass sich am Ende jemand deswegen den Film nicht ansieht. Es lohnt einfach viel zu sehr, sich dem Wetterphänomen Huppert auszusetzen, sie zu erleben beim Irisieren und Gewittern, die Grossmeisterin des Perlmuttschweigens.
Simone Lappert
Simone Lappert studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel, sie lebt als freie Schriftstellerin in Zürich. 2014 erschien ihr Romandebüt «Wurfschatten» (Metrolit), es wurde u. a. für den ZDF-Aspekte-Preis nominiert. Ihr zweiter Roman, «Der Sprung», erschien 2019 bei Diogenes und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Für ihren Lyrikband «längst fällige verwilderung – gedichte und gespinste» (Diogenes, 2022) erhielt sie eine literarische Auszeichnung der Stadt Zürich sowie einen Platz unter den Lyrikempfehlungen 2023.