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Cinema Seen Through the Eyes of ... Richard Linklater

Nach der britischen Regisseurin Joanna Hogg und dem Schweizer Filmemacher Cyril Schäublin bitten wir mit der US-Indie-Ikone Richard Linklater zum dritten Mal eine:n Filmschaffende:n um seinen ganz persönlichen Filmkanon: fünf historische Filme, die für Linklater als Person wegweisend waren, und fünf aktuelle Filme, in denen er visionäres Potenzial sieht, die eine Richtung vorgeben, in die sich die Filmkunst seiner Meinung nach entwickeln sollte. Die Regeln sind natürlich wie immer da, um gebrochen zu werden … Im Interview mit Dominic Schmid verriet Linklater, was ihm diese Filme bedeuten. Alexander Horwath, Filmemacher und langjähriger Leiter des Filmmuseums Österreich, nimmt am 29. September den Gesprächsfaden vor Ort im Filmpodium auf und taucht mit Linklater in dessen Filmwelt ein. Das Gespräch präsentieren wir in Kooperation mit dem ZFF. Richard Linklater, man hat Sie gebeten, neben fünf klassischen Filmen, die für Ihre Entwicklung als Filmemacher wichtig waren, auch fünf neuere Werke zu nennen, die Sie für wegweisend halten. Nun ist aber keiner der Filme weniger als 40 Jahre alt …

Ich weiss, damit habe ich oft Mühe. Aber die Filmgeschichte braucht immer etwas Zeit, um sich zu sortieren. Was wegweisend ist, entscheidet sich immer erst viel später. Und ich fühle mich einfach wohler mit Filmen, die entstanden sind, bevor ich selbst damit anfing, welche zu machen.

Schauen Sie sich denn viele neue Filme an?

Ich gebe mir Mühe. In der Austin Film Society zeigen wir auch die ganzen neuen Sachen. Doch es ist nicht mehr so wie in den 80ern, als man noch viel mehr internationales Kino sehen konnte. Das muss man jetzt richtig suchen – oder halt streamen …

Der Form halber: ein neuerer Film, der Sie in letzter Zeit besonders beeindruckt hat?

In Cannes habe ich The Diary of a Chambermaid von Radu Jude gesehen. Seine Filme finde ich wirklich radikal. Wie Fassbinder in den 70ern – herausfordernde Erzählmuster, dokumentarisch, aber auch melodramatisch. Und auch noch eine kritische Auseinandersetzung mit seinem Land. Mir gefällt grundsätzlich alles, was irgendwie mit der Form spielt.

Etwas, das Sie im zeitgenössischen Kino vermissen?

Insbesondere in den USA ist es mittlerweile extrem teuer geworden, einen Film zu machen. Weil man dann halt weniger Filme dreht, kann man sich keine Fehler mehr erlauben. Formale Risiken sind da fast nur noch im Low-Budget-Bereich möglich.

Haben Sie deshalb Ihr Produktionsunternehmen nach dem Film Detour von Edgar G. Ulmer benannt?

Wahrscheinlich. Detour, den ich natürlich liebe, ist klassisches B-Kino von der anderen Seite des Hollywoodhügels, wo man damals innert 10–12 Tagen ultrabillige Filme drehte. Da sieht man, was Kino alles sein kann. Den grössten Helden diesbezüglich kennt man in der Schweiz ja bestens: Godard.

Dem Sie mit Nouvelle Vague gerade ein schönes Denkmal gesetzt haben.

Zumindest seinen frühen Jahren sowie der Nouvelle Vague jener Zeit. Ein inspirierender Moment – aber neue Wellen gibt es ja ständig irgendwo. Auch ich hatte als junger Filmemacher seltsame Ideen und wollte Dinge tun, die ich noch nicht aus anderen Filmen kannte. Doch genau so entstehen neue, interessante Impulse – in allen Kunstformen.

Was halten Sie von der Theorie, dass man seinen Filmgeschmack im Alter von etwa 20–25 Jahren bildet, der dann relativ stabil bleibt? Würde das auch auf Ihre Auswahl hier zutreffen?

Zu hundert Prozent. Da geht es darum, was einen am Medium ursprünglich angezogen hat. Bei mir geschah dies in den frühen 80ern, als das kommerzielle Kino … Nun ja, es war, was es war. Also vertiefte ich mich in die Filmgeschichte. Das Schöne an der Kunst ist ja, dass diese immer da ist und nur darauf wartet, von einem entdeckt zu werden, sobald man dazu bereit ist. So liess ich mich mit 20 halt von der Nouvelle Vague, dem Neuen Deutschen Film oder dem britischen Free Cinema inspirieren.

Alles Bewegungen, die 20 Jahre zuvor entstanden waren …

Irgendetwas war da los in den 60ern. Sogar in den USA gab es diese kleine Bewegung mit John Cassavetes, Shirley Clarke, Lionel Rogosin und anderen, die kleine, persönliche Filme drehten. All diese Sachen sind ständig da, man muss bloss auf sie aufmerksam werden. Ich war damals mit der Austin Film Society in einer privilegierten Situation: Ich war für die Bestellung der Filmkopien verantwortlich und konnte mir diese Werke wieder und wieder anschauen.

Zum Beispiel Some Came Running? Dieser ist von Minnelli ja offensichtlich hervorragend inszeniert – aber wie der von Sinatra gespielte Protagonist da die Frauen behandelt, die ihm angeblich am Herzen liegen, ist heute doch etwas schwierig zu sehen?

Als ich den Film etwa 1983 zum ersten Mal sah, berührte mich vor allem die Figur des blockierten Künstlers, der in seine Heimatstadt zurückkehrt. Tatsächlich ist der Film von Jahr zu Jahr problematischer geworden. Aber alles, was er zeigt, entspricht der Realität seiner Entstehungszeit.

Sind Sie selbst zufrieden mit der filmgeschichtlichen Epoche, die Ihnen vom Schicksal zugeteilt wurde?

Fantasieren kann man immer, aber man muss seine Ära akzeptieren. Rückblickend kann man wohl sagen, dass ich zum perfekten Moment geboren wurde, um dann in die Blütezeit des US-Independentfilms der 80er und 90er hineinzuwachsen. Wenn mich heute junge Filmschaffende um Rat fragen, tut mir das immer etwas leid: Zu sagen, sie hätten 30 Jahre früher geboren werden sollen, ist nicht sehr hilfreich. In anderer Hinsicht war vieles auch schwieriger, etwa die Kosten für Equipment und Filmmaterial. Wurden früher bei Sundance pro Jahr 100 US-Indie-Filme eingereicht, sind es heute 14’000. Und wenn ich doch fantasieren soll: Irgendwann zwischen 1930 und 1960 im Hollywood-Studiosystem zu arbeiten, hätte mir bestimmt auch gefallen.

An einer Pressekonferenz in Berlin meinten Sie kürzlich, dass Kino schon immer Eskapismus gewesen sei. Ihre Auswahl hier enthält hingegen Filme wie L’argent, Los olvidados oder The Ceremony, die sich mit bestem Willen nicht als eskapistisch bezeichnen lassen und die in ihrer Subversivität auch ein wenig im Kontrast zu Ihrer eigenen Filmografie stehen. Ein Widerspruch? Oder findet sich die Lösung des Rätsels möglicherweise in Sullivan’s Travels von Preston Sturges?

Slacker oder Fast Food Nation lassen sich ja durchaus als subversiv bezeichnen. Und Sullivan’s Travels ist tatsächlich eine Persiflage über diesen Zwiespalt. Manche populären Künstler wie etwa Steven Spielberg haben das Glück, mit einer Sensibilität fürs Populäre geboren zu sein: Sie sehen die Dinge so, wie sie auch ein grosser Teil des Publikums sieht. Auch wenn ich mich nicht zur selben Kategorie zähle, fühle ich mich zur Komödie hingezogen, die in ihrer schwarzen Form noch am ehesten meiner Sicht der Welt entspricht: absurd und voller düsterer Triebe, aber insgesamt auch ziemlich lustig. Bernie ist in dieser Hinsicht wohl mein authentischster Film.

Am Ende von Sturges’ Film von 1941 gelangt der Protagonist zur Einsicht, dass in schlimmen Zeiten die Unterhaltung mindestens genauso wertvoll ist, wie ein Bewusstsein für die Übel der Welt zu schaffen. Können Sie sich damit identifizieren?

Das Komische bei Sullivan’s Travels ist ja die fehlende Eigenwahrnehmung seines Protagonisten – eine Art Parodie seiner selbst. Und es geht um das grosse Dilemma in der Kunst: Wenn ich den Leuten etwas zum Lachen oder Festhalten gebe, während die Welt den Bach runtergeht, trage ich dann noch dazu bei oder sollte ich etwas «Wichtigeres» tun? Wenn man sich diese «wichtigen» Filme dann aber anschaut, sieht man, wie prätentiös sie sind. Daher habe ich mir diese Frage nie gestellt, und ich hatte auch nie ein schlechtes Gewissen. Vielleicht auch weil ich solche Filme oft genug gesehen habe, um zu wissen, wie lächerlich die Zweifel sind – weil sowieso nichts von dem, was man tut, einen wirklichen Unterschied macht.

Dem würden jetzt wohl all jene widersprechen, für die Before Sunrise prägend für das eigene romantische Ideal war.

Mehr als 30 Jahre ist das jetzt her, und immer wieder kommen Leute und erzählen mir, wie sie über diesen Film mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenkamen. Immerhin habe ich also mit diesem Film der Welt ein paar romantische Illusionen beschert.

Illusionen?

Projektionen, Wahnvorstellungen … Nein, ich glaube schon an die Möglichkeit einer tiefen Verbindung zwischen zwei Menschen. Aber von Filmen, die dies so einfach erscheinen liessen, fühlte ich mich immer ein wenig betrogen. In meiner Erfahrung hat sich das nämlich nie wie so ein Whoa-Erlebnis angefühlt, sondern fand auf Bodenebene statt, beim langsamen Aufbauen einer Verbindung im Gespräch.

Filme wie Detour oder Wanda, in denen die unmittelbare Anziehung rasch und brutal mit der Realität konfrontiert wird, zeigen demnach ein realistischeres Bild solcher Zufallsbegegnungen?

Die zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte ist immer ein tolles Thema – auch weil man sie selbst aus der Realität kennt. Natürlich wünsche ich allen, die von der Romantik in Before Sunrise schwärmen, das grösstmögliche Glück. Aber ich frage sie dann oft, ob sie auch den dritten Film der Trilogie gesehen haben. Aber selbst da reden und schlafen die beiden am Ende immerhin noch miteinander, anstatt bloss in ihre Handys zu schauen. Für zwei Vierzigjährige gar nicht so schlecht …

Viele Ihrer Filme erzählen von der Zeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Auch If… von Lindsay Anderson handelt von einem Aufstand der Schüler gegen das System. Was fasziniert Sie so sehr an diesem Thema?

Ich war schon immer von der Gestaltung des Selbst fasziniert, vom Prozess des Herausfindens, wer man in der Welt sein möchte. Ich war immer ein mittelmässiger Student, und die Enge des Schulbetriebs war mir ein Gräuel. Mein Hirn war damit einfach nicht kompatibel. In Boyhood, wo wir ja quasi das US-Schulsystem von der ersten bis zur zwölften Klasse dokumentierten, sieht man, wie im Grunde alle Fünf- oder Sechsjährigen zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt werden. Da interessiert es mich, wie die Menschen dann dagegen rebellieren. If… ist für mich einfach der ultimative Teenager-Rebellionsfilm. Total surreal und radikal – aber am besten gefällt mir, dass Lindsay Anderson ihn in jener Schule drehen konnte, die er selbst einmal besucht hatte.

James Benning, mit dem Sie persönlich befreundet sind, ist der einzige noch lebende Filmemacher auf Ihrer Liste. Mit welchem anderen Filmemacher oder Filmemacherin von damals würden Sie am liebsten etwas Zeit – und sei es bloss die einer Flipperpartie – verbringen wollen?

Da die meisten von uns Filmregisseuren ziemlich selbstverliebte Idioten sind, möchte man mit ihnen vielleicht nicht unbedingt Zeit verbringen. Vielleicht mit Sturges, der immerhin eine ziemliche Persönlichkeit gewesen zu sein scheint. Oder mit Buñuel – schon nur, damit ich ihn mit Fragen löchern könnte.
Dominic Schmid im Gespräch mit Richard Linklater

Dominic Schmid hat Filmwissenschaften und Japanologie in Zürich und Berlin studiert und arbeitet als freier Filmkritiker, Videothekar und Moderator zwischen Biel und Zürich.